Angenommen: Arbeitsgruppe auf dem DGfE‐Kongress 2016 in Kassel

Auf dem DGfE-Kongress in Kassel im März 2016 werden Sandra Aßmann (Köln), Sandra Hofhues (Köln), Klaus Rummler (Zürich) und ich (convenor) eine Arbeitsgruppe anbieten, die den Titel “Bildungsräume weiter denken. Medienpädagogik und ‐didaktik in Zeiten veränderter Lern‐ und Bildungskulturen.” trägt. Zu dieser AG konnten wir Prof. Dr. Heidi Schelhowe (Bremen), Prof. Dr.‐Ing. habil. Ulrike Lucke (Potsdam), Norman Friesen (Vancouver) und Prof. Dr. Theo Hug (Innsbruck) als Tandempartner gewinnen. Sie werden unsere jeweiligen Beiträge moderieren und kritisch kommentieren.

Im Folgenden finden sich das Abstract für die AG und meinen Einzelbeitrag. Details werden in den kommenden Tagen in diesem Blogpost aktualisiert.

Abstract des Gesamtvorhabens:

Die Medienlandschaft hat sich mit der Ubiquität digitaler Technologien eklatant verändert. Dies hat Konsequenzen für Angebotsstrukturen und Nutzungsmöglichkeiten. Eine der zentralsten Entwicklungen ist die Erweiterung einer unidirektionalen Massenkommunikation nach dem Modell des Fernsehens zur partizipativen Verschränkung von Individual‐ und Massenkommunikation im Sinne des Web 2.0. Diese neue Struktur eröffnet vielschichtige Gestaltungspotenziale. Insbesondere Mobiltechnologien erlauben den Nutzer_innen, an jedem Ort und jederzeit auf Informationen, Netzwerke, Infrastrukturen sowie Unterhaltungs‐ und Konsumangebote zuzugreifen und auf sie einzuwirken. Diese neuen Angebots‐ und Nutzungsstrukturen bedeuten nicht nur für Medienanbietende ein großes marktwirtschaftliches Potenzial, sondern auch für Bildungseinrichtungen ergeben sich daraus vielfältige Chancen für Lehren und Lernen an der Schnittstelle von formalen und informellen Kontexten. Eine Reaktion darauf ist das „Mobile Lernen“ als die Nutzbarmachung der ständigen Verfügbarkeit unterschiedlicher Ressourcenarten in didaktisch aufbereiteter Form.
Mit dieser neuen Art der Ressourcenverfügbarkeit tun sich aber auch Problemlagen auf: Sie erstrecken sich aus Sicht der Bildungseinrichtungen auf die Finanzierung von Technologien und Infrastrukturen zum Lernen, auf rechtliche und ethische Dimensionen des Einsatzes von “tragbaren” Digitaltechnologien, auf Fragen der Aus‐ und Weiterbildung von Lehrpersonen, auf Nachhaltigkeit der Bildungsangebote, auf systematische Fragen der Implementierung u.v.m.. Auch aus Perspektive der Lernenden sind Veränderungen zu bedenken, denn für sie entstehen mit den neuen Medienstrukturen nicht nur Möglichkeiten, Lernumgebungen (Stichwort: PLE–Personal Learning Environments) und Lernprozesse selbst (Stichwort: personalisiertes Lernen) selbst und mit Blick auf Lebenslanges Lernen zu gestalten. Die Lernenden sind unter den veränderten Lernbedingungen auch gezwungen, sich als Gestalter_innen ihres Lernumfeldes neuen Verantwortlichkeiten zu stellen: So verantworten sie nicht mehr nur individuelle Lernerfolge oder individuelles Scheitern, sondern auch die Konstruktion ihrer Lernumgebung, die Kontexte des Lernens bis hin zur Auswahl der Lernobjekte.
Für eine medienpädagogische Auseinandersetzung mit diesem Komplex ergeben sich Herausforderungen auf theoretischer, methodischer und methodologischer Ebene. Die Arbeitsgruppe nähert sich diesen über die zentrale Frage:

Wie kann und muss eine sozial‐ und kulturtheoretisch ausgerichtete Medienpädagogik, die handlungsorientiert argumentiert, auf die Herausforderungen durch die Nutzung von digitalen (mobilen) Technologien in Lern‐ und Aneignungskontexten reagieren?

Konkret werden folgende Teilfragen in vier Impulsreferaten thematisiert:

  • Welche Theorien, Konzepte und Modelle, speziell Ökologiemodelle von Lernen und Bildung, greifen aus medienpädagogischer und ‐didaktischer Sicht bei der Beschreibung von Prozessen, die eine durch Medien und Technologien geprägte Lernkultur verändern?
  • Wie sind Lern‐ und Bildungsräume zu diskutieren, die sich aus den tradierten Bildern von Lernräumen weg, hin zu Personal Learning Environments (PLEs) und Lernergenerierten Contexten (LGCs) bewegen?
  • Welche Forschungsmethoden sind angemessen, um Nutzungsmuster und individuelle Lernpfade abzubilden, zu rekonstruieren und zu interpretieren?

Die Impulsreferate werden jeweils von einem/r Tandempartner_in moderiert. Im Anschluss an die 60‐minütige Vortragssitzung folgt eine einstündige Plenumsdiskussion. Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung von 30 Minuten, in der die Ergebnisse rekapituliert und zur weiteren Bearbeitung aufbereitet werden. Vorträge und Ergebnisse der Arbeitsgruppe sollen in einem Themenheft der peer reviewten Online‐Zeitschrift “MedienPädagogik – Zeitschrift der Theorie und Praxis der Medienbildung” veröffentlicht werden.

 

Mein Einzelabstract:

„Lernergenerierte Contexte. Ökologiemodell von Aneignung, Konzept von Bildungsraum und Herausforderung für die Handlungsautonomie von Lernenden.“
(Dr. Judith Seipold, London Mobile Learning Group, Schweiz)

Um personalisiertes und selbstgesteuertes Lernen mit digitalen Technologien zu planen und zu analysieren, wurde der „Ecology of Resources framework“ (Luckin, 2010) entwickelt. Demnach konstruieren Lernende Contexte (sog. Lernergenerierte Contexte), indem sie in aushandelnder und konversationsgeprägter Interaktion ihren zielgerichteten Lernprozess und ihre Lernumgebung mit den aktuell verfügbaren Ressourcen aktiv gestalten. Für die deutschsprachige Medienpädagogik bietet dieses Konzept die Chance, Lern‐ und Bildungsräume weiter zu fassen und damit einhergehend Aspekte für Lernen zu berücksichtigen, die in Zusammenhang mit Aneignung und Subjektivität stehen. So öffnet sich ein buntes Feld an Mechanismen, Dimensionen und Perspektiven, die Relevanz für ein erweitertes Verständnis von Lernen haben. Kritisch zu diskutieren ist dabei jedoch u.a.: (1) Die Eignung des „Ecology of Resources framework“ und seiner Erweiterung, dem „Ökologiemodell von Aneignung“ (Seipold, 2014), zur Durchdringung von Phänomenen wie dem Mobilen Lernen; (2) Die Systematisierung von Lernergenerierten Contexten, um personalisierte und subjektiv sinnstiftende Lerninfrastruktur und Lernprozesse reproduzierbar, übertragbar und nachhaltig zu gestalten; (3) Die konzeptionelle Verortung einer Medienpädagogik, die bereits seit weit mehr als 30 Jahren den „agentive turn“ vollzogen hat, zwischen Handlung und Struktur bei der Fokussierung auf Lernende und ihre Handlungskompetenzen und ‐optionen.

Tandempartner (Moderation): Prof. Dr. Theo Hug, Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Kommunikationskultur, Institut für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, Leopold‐Franzens‐Universität Innsbruck, Österreich

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