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Filmanalyse: “Das Schwarzwaldmädel” – Rückzugsnische und Visionär der “Goldenen Fünfziger”

Im Rahmen eines Seminars an der Uni Kassel habe ich im Jahr 2005 den folgenden Text zum Film “Das Schwarzwaldmädel” verfasst.

 

Judith Seipold
31. Mai 2005

Einleitung

Die Heimatfilme der 50er Jahre – Inbegriff der Verdrängungsarbeit, die die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft bezogen auf den erst kurz vergangenen 2. Weltkrieg leistete? Bilder von Krieg, toten Menschen, zerbombten Städten, Elend und Not fanden in Trümmerfilmen ihren Platz, aus dem Genre des Heimatfilms ist der Krieg vollkommen ausgeklammert. Wenn die Heimatfilme der damaligen Zeit keinen Beitrag zur Aufarbeitung der eigenen jüngsten Geschichte leistete, wozu dann?

Das Nachkriegsdeutschland der 40er und frühen 50er Jahre war geprägt von zerbombten Städten, Kriegsheimkehrern, zerrütteten Familien und Armut. Die vier Siegermächte besetzen das in Zonen aufgeteilte Deutschland. Versorgung mit Kleidung und Lebensmitteln war nur unzureichend gegeben. „Die Ausgangslage war auf der moralischen, politischen, psychologischen und sozialen Ebene zunächst dadurch gekennzeichnet, daß das Alte nicht mehr galt, das Neue aber noch nicht in Sicht war.“[1]
Motor für den wachsenden Bevölkerungswohlstand in den 50er Jahren war die Währungs- und Wirtschaftsreform 1948. Nahrung und finanzielle Mittel standen wieder zur Verfügung. Die in den 50er Jahren zunehmende materialistische Ausrichtung der Konsumgesellschaft ging einher mit dem Rückzug ins Private: Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, eine neue Generation von Neobiedermeiern, wie sie auch kritisch betitelt wurde, kurbelte die soziale Marktwirtschaft an und ließ die Massenkultur boomen. Die Zeiten, in denen sich die sogenannte Trümmerliteratur ebenso wie Trümmer- und Heimkehrerfilme großer Beliebtheit erfreuten, gingen mit dem Beginn des Wirtschaftswunders zu Ende. Die Darstellung von Krieg, zerstörten Städten, zerrissenen Familien, Kriegsheimkehrern, Armut und Entbehrung ließen sich immer weniger vereinbaren mit dem Aufbau- und Aufstiegsgedanken, der den Zeitgeist der beginnenden Adenauer-Ära prägte. Aufgeräumt, sauber und bunt sollte alles sein, mit einem optimistischen Blick in eine heile und erfolgreiche Zukunft. Ausdruck dafür war „das Projekt des schönen Wohnens“ in all seinen Facetten („Niedlichkeit“ dominierte, und die „Unförmigkeit“ der Ästhetik der fünfziger Jahre ist wohl am deutlichsten im Nierentisch). In den 50er Jahren war die Aufarbeitung des vergangenen Krieges im Alltag nicht mehr präsent und in Literatur und Film in extra Genres abgeschoben; Erfolg hatte die massentaugliche leichte Unterhaltung. In den Radios liefen Schlager und Jazz, aber auch „salonmusikalisch aufbereiteten Filmsongs, Stimmungs- und Trinkliedern, Operettenmelodien“[2] unterhielten die Deutschen.

„Das Schwarzwaldmädel“, eine Operettenverfilmung, kam 1950 als erste deutsche Farbfilmproduktion nach dem 2. Weltkrieg in die Kinos. Die Vorlage aus dem Jahr 1917 stellt den Rahmen für eine Adaption zur Verfügung, die 33 Jahre später über die deutschen Kinoleinwände flimmerte. In der Neuauflage von 1950 ist der vergangene Krieg nicht thematisiert; das Original gibt ja auch keinen Anlass dazu. Oberflächlich betrachtet liegt der Schwerpunkt der Geschichte vielmehr auf ästhetischen Bereichen wie Amüsement, leichter Unterhaltung, idyllischen Landschaftsbildern und Liebesbeziehungen. Operettenlieder (besonders dem Walzer kommt besondere Bedeutung zu), Nahrung im Überfluss (Patzke ist in dem „Gefängnis“, einem vollen Vorratskeller, umgeben von Wurst), Mobilität (die Protagonisten sind mit diversen Verkehrsmitteln unterwegs in den Schwarzwald) und Freizeit (die Städter Hans, Richard und Malwine sind in ihrer Freizeit auf dem Lande) sind anscheinend Alltag für die Protagonisten. Ihr Handeln erscheint egozentrisch und kurzfristig, auf die aktuellen Bedürfnisse ausgerichtet – weder geleitet von Moralvorstellungen, Tradition oder Regeln noch mit Perspektive in eine (wie auch immer) realisierbare Zukunft.

Natur, Tradition, Religion, ländliche Strukturen, unterstützt durch die Ämteragglomeration des Dorfwirtes, die Person der religiösen Tante Traudel und traditionsbewusste junge Leute, die vor der ländlichen Kulisse singend und tanzend durch die Landschaft ziehen, können als Symbole für das Wiederentstehen der alten Gesellschaft entschlüsselt werden. Gezeigt wird nicht das Alte, das kaputt ist, an Wert verloren hat und keinen Anknüpfungspunkt mehr bietet, sondern das Alte, das noch vertraut ist, intakt ist und funktioniert. Der Film bietet nicht allein Anknüpfungspunkte an Altes, sondern zeigt auch, was künftig kommen könnte und zeichnet eine Utopie für eine kriegsgeschädigte Gesellschaft. Mit Blick auf die Protagonisten des Films, die sich größtenteils religiösen und weltlichen Traditionen entziehen, aber über die sich der Film mit einem gesellschaftlichen Wertewandel, der sich im Rahmen des „Schwarzwaldmädels“ als Distanzierung zu Religion und Tradition und Affinität zu Konsum, Mobilität, Freizeit und Wahlfreiheit zeigt, diskursiv auseinandersetzt, erscheint die 1950er Verfilmung des „Schwarzwaldmädels“ auch als Blick in die westdeutsche Gesellschaft der „Goldenen Fünfziger“.

 

1. Das Schwarzwaldmädel in der Verfilmung von 1950

Vorlage für den Film „Das Schwarzwaldmädel“ ist die gleichnamige Operette von August Neidhardt und Leon Jessel[3] aus dem Jahr 1917. Bereits 1920 wurde die Operette als Stummfilm gedreht, unterlag jedoch im selben Jahr noch der Zensur.[4] Die Uraufführung der Verfilmung von 1933 fand am 30.11.1933 in Stuttgart statt.[5] Nach 1950 sollte noch eine weitere Version aus dem Jahr 1973 folgen.
„Das Schwarzwaldmädel“ aus dem Jahr 1950, 1951 als „bester Film“ mit einem Bambi ausgezeichnet, hatte vom Kinostart am 5.9.1950 in Stuttgart bis Ende 1952 14 Millionen Kinobesucher zu verzeichnen. Damit war „Das Schwarzwaldmädel“ der bis dorthin erfolgreichste deutsche Film der Nachkriegszeit[6], selbst Sonderbriefmarken und -poststempel kamen als „Merchandising“-Produkte auf den Markt.

Die Protagonisten

  • Sonja Ziemann spielt Bärbele Riederle, das Schwarzwaldmädel
  • Rudolf Prack spielt Hans Hauser, Maler und Malwines Verlobter
  • Gretl Schörg spielt Malwine Heinau, Revuestar
  • Walter Müller spielt Richard Petersen, Malwines Partner
  • Paul Hörbiger spielt Domkapellmeister Römer
  • Hans Richter spielt Theo Patzke, Angestellter des Juweliers Bussmann
  • Gerturd v. Wilke-Rosswog spielt Tante Traudel

Filmbeschreibung

Der Film beginnt in Baden-Baden mit einer Eis-Revue und einem Maskenball. Der Star der Show trägt ein teures Diamantenkollier, das im Laufe des Abends durch Zufall in die Hände von Bärbele, dem Schwarzwaldmädel, fällt. Bärbel lernt an diesem Abend Hans, Malwines Verlobten, kennen. Am nächsten Tag fährt Bärbel in ihrem neuen Ford Taunus, den sie auf dem Ball am vergangenen Abend gewonnen hatte, in den Schwarzwald, das Diamantenhalsband im Gepäck. Bärbel soll ihre Tante Traudel vertreten, die für ein paar Tage zu ihrer Schwester reisen muss. Tante Traudel arbeitet in St. Christoph als Haushälterin für den Domkapellmeister Römer. Im Laufe des Tages treffen Hans, Richard, Malwine und der Angestellte des Juweliers Theo Patzke, später auch der Juwelier Bussmann im Schwarzwald ein, zufällig alle in dem Ort St. Christoph, in dem Bärbele für ein paar Tage für ihre Tante einspringt. Hans ist mit der Absicht in den Schwarzwald aufgebrochen, sich von seiner Verlobten Malwine zu distanzieren, Richard, als guter Freund und Vertrauter, begleitet ihn. Malwine folgt nach, um Hans zurück zu holen. Ein Partnerwechsel zwischen Malwine, Hans und Richard kündigt sich an. Theo Patzke, durch dessen Verschulden der teure Schmuck „verschwunden“ ist, macht sich auf die Suche nach Bärbele, der Juwelier Bussmann erscheint auf der Bildfläche, um ebenfalls den Schmuck wieder zu finden und um Malwine seine Zuneigung zu bekunden und um ihre Hand an zu halten.[7] Nach einigen Turbulenzen, auch in Sachen Beziehung, endet die Geschichte auf dem Cäcilienfest in St. Christoph. Der Domkapellmeister, der sich zu Beginn der Geschichte in das Bärbele verliebt hatte, als sie Walzer tanzend durch seine Wohnung gewirbelt ist, gibt das Schwarzwaldmädel frei, so dass der Liebe zwischen ihr und Hans nichts mehr im Wege steht. So finden sich also auf dem Fest Hans und Bärbel, Richard und Malwine und sogar die Tochter des Wirts und sein Knecht sind glücklich zusammen.

 

2. Gesellschaftlicher Wandel im Nachkriegsdeutschland – Der Weg Richtung Konsum und Unterhaltung

Politische Eckdaten 1948-1950[8]

Mit der Währungs- und Wirtschaftsreform 1948 war Voraussetzung für die Einbeziehung Westdeutschlands in den Marshall-Plan geschaffen, der den wirtschaftlichen und sozialen Wideraufbau in Europa fördern sollte. In den darauffolgenden Jahren stabilisierten sich die Preise, Bruttoinlandsprodukt und Exportzahlen stiegen: Die Zeit des „Wirtschaftswunders“ war eingeläutet.
Mit Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Aus den ersten Wahlen zum Bundestag, die am 14. August desselben Jahres stattfanden, ging die CDU/CSU als stärkste Partei hervor, Koalitionspartei wurde die FDP. Der erste Bundeskanzler der BRD wurde der CDU-Politiker Konrad Adenauer, das Amt des Bundespräsidenten besetzte Theodor Heuss (FDP). Knapp fünf Monate nach Gründung der BRD wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Am 7. Oktober bestätigte die provisorische Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik die Verfassung. Damit war die DDR als Staat proklamiert, die Teilung Deutschlands vollzogen. Auf dem internationalen Schauplatz schloss sich die North Atlantic Treaty Organization (NATO) zusammen, die am 4. April 1949 mit Unterzeichnung des Friedenspaktes in Washington als Sicherheits- und Verteidigungssystem gegründet wurde, auch gegen ein evtl. wiedererstarkendes Deutschland. Ein Ereignis aus dem Jahre 1949, das die gesamte Welt aufrüttelte, war die Zündung der ersten sowjetischen Atombombe. Diese Machtdemonstration versetzte die Welt in Angst und Schrecken und schürte den Kalten Krieg zwischen Ost und West.
Im August 1950 konzipierte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer zusammen mit dem britischen Premierminister Winston Churchill eine westeuropäische Armee mit westdeutschem Kontingent, die europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und bot den Westmächten einen militärischen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik Deutschland an. Die deutsche Westintegration über den Weg der militärischen Integration vollziehen zu wollen stieß auf Widerstand. Aus Protest gegen Adenauers Aufrüstungspolitik trat Gustav Heinemann am 9. Oktober als Bundesinnenminister zurück; in der Bevölkerung statuierte sich eine stetig wachsende Gruppe von Kriegsgegnern. Als Alternative zu einer Integration Deutschlands über das Militär stand die Integration über eine deutsch-französische Zusammenarbeit, wie sie der französische Außenminister Robert Schuman in seinem Konzept für eine Montanunion vorstellte. Der Schuman-Plan sah vor, die deutsche und die französische Kohle- und Stahlproduktion unter einer gemeinsamen Behörde zu leiten; er wurde zur Basis der im Folgejahr gegründeten Montanunion sowie für die Gründung der EWG im Jahre 1957. Ebenfalls 1950 wurde der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südkorea mit dem eingreifen der USA zum internationalen Konflikt. Als wirtschaftliche Folge des Koreakriegs, der Ausdruck war für die Polarisierung der Welt in einen politischen und ideologischen Osten und Westen, setzte in vielen westlichen Ländern ein durch Aufrüstung und Export angekurbelter wirtschaftlicher Aufschwung ein, der sogenannte „Koreaboom“.

Sich abwenden vom „Alten“ und das „Neue“ leben

Theodor Heuss, erster Bundespräsident der BRD, bezeichnete das Kriegsende 1945 als „tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“[9] Vernichtet wurden im zweiten Weltkrieg zig Millionen Menschen, genau wie Wohnungen, Familien, Hab und Gut. Die Alliierten besetzten deutsche Städte, Lebensmittel waren knapp, ebenso Kleidung und Wohnraum. Männer fehlten, sowohl in den Familien, in denen Frauen oder Kinder die Rolle des Versorgers und Verantwortung für die überlebenden Familienmitglieder übernahmen, als auch beim Wiederaufbau. Trümmerfrauen prägten das Bild der zerstörten deutschen Städte, Schulen und Universitäten waren lange Zeit nicht benutzbar, die Infrastruktur zerstört u.s.w. Der Umgang mit dem, was der Krieg hinterlassen hatte und dem, was er genommen hatte, war weniger von dem Willen nach Aufarbeitung des Krieges geprägt, sondern vielmehr vom Aufräumen und Wegschaffen der Trümmer, dem Wiederaufbau.
Nicht nur in den kaputten Familien und im Arbeitsalltag waren Rollen vertauscht. Auch die ständige militärische Präsenz der Siegermächte, die Deutschland besetzten, wurde in erster Linie nicht negativ aufgefasst, sondern „Verbrüderung“ der Bevölkerung mit den Militärrepräsentanten, eigentlich verboten, war alltäglich, und der Koreakrieg löste weniger Empörung als vielmehr Exportsteigerung und Konjunkturaufschwung aus. Trotzdem die deutsche Bevölkerung in einer teils konkret (militärische Repräsentation sichtbar und direkt erfahrbar), teils abstrakt (veränderte Rolle der Siegermächte, die nicht nur als Sieger auftreten, sondern die Bevölkerung beim Wiederaufbau unterstützten oder der nur über Medien erfahrbare Koreakrieg, der sich sogar positiv auf die Wirtschaft auswirkte) militarisierten Umgebung ihrem Alltag nachging, schienen Militär und Krieg keine unmittelbare Bedrohung mehr darzustellen.
Unter solch veränderten Rahmenbedingungen war der Wunsch nach einer Neuorientierung und sicheren Strukturen in den Köpfen der Menschen ebenso präsent wie auch als politische Maßgabe von den Besatzungsmächten gewollt und initiiert und im Alltag als Umerziehungsmaßnahmen praktiziert. Doch geschah der Wiederaufbau z.B. auf Ebene öffentlicher Bereiche wie Schulen, Justiz, Politik, etc. auch mit Rückgriff auf Personen, die als „belastet“ eingestuft waren und teilweise auch nachweislich enge Verbindungen zu dem nationalsozialistischen Regime hatten. Ein konsequenter Verbindungsabbruch zu dem Nationalsozialismus und Gesinnungswandel hat es trotz Entnazifizierung und Umerziehungsmaßnahmen nach dem Krieg nicht gegeben. „Verdrängung“, genauer: Verleugnung dieser Tatsache sowie des Krieges war charakteristisch für das Verhalten der meisten Deutschen nach 1945.

„Vom Guten hat man nie zuviel, es hebt auch unser Selbstgefühl.“[10] Dieser Werbeslogan der Bekleidungsfirma „Eterna“ sprach den kriegsgeschädigten Deutschen von 1950 sicherlich aus dem Herzen. Dass mit dem „Guten“ auch das „Selbstgefühl“ wieder kommt, darauf hoffte man und so versuchte man, „das Gute“ käuflich zu erwerben. Denn wirtschaftliche Flexibilität wurde allmählich wieder möglich. Erst vor wenigen Jahren scheiterte das grauenhafte Projekt, das „Selbstgefühl“ der Deutschen durch die massenhafte Vernichtung von jüdischen Mitbürgern oder „mit einer Führung, die typisch deutsche Ideale mit unserem Selbstgefühl aufs neue zu verbinden wußte“[11] zu stärken. Jetzt wurde das Projekt zur Stärkung des Selbstgefühls neu angegangen, diesmal mit Bedürfnisbefriedigung eher individueller Art, die sich im einfachen Konsumverhalten äußerten. Konsumiert wurde aber nicht mehr nur Nahrung, sondern auch materielle Werte und Luxusgüter wie Autos oder Fernsehapparate wurden im Laufe der 50er Jahre erschwinglich. Einem Bedürfnis nach Sicherheit nachkommend etablierten sich Geldanlagen auf Banken und Versicherungen als attraktive Möglichkeiten, finanziellen Unsicherheiten entgegen zu wirken. Auch fuhren zunehmend mehr Bundesbürger in den Urlaub – zu Beginn der fünfziger Jahre noch bevorzugt innerhalb Deutschlands, ab Mitte der fünfziger Jahre dann auch zunehmend in das Ausland[12], z.B. mit dem eigenen Auto ans Mittelmeer. Das alles war Ausdruck des wachsenden Wohlstandes und ist aus heutiger Perspektive das Klischee der Wirtschaftswunderzeit der 50er Jahre. Auf den Markt geworfen wurden nicht nur klassische Konsumgüter, sondern auch an Lebensentwürfen stand eine Vielzahl zur Verfügung, aus der es galt, auszuwählen.

 

3. Zwischen Tradition und Konsum – Das Schwarzwaldmädel zeigt eine sich verändernde westdeutsche Gesellschaft

Jeder verkleidet sich als das, was er im Leben gerne sein möchte. Das stellen Hans und Bärbel auf dem Maskenball fest. Doch die Zeiten ändern sich, und so braucht man sich in einer Gesellschaft, langsam damit beginnt, sich von Tradition und Religion zu lösen (die Diskurse im „Schwarzwaldmädel“ um traditionell geprägtes oder „modernes“ Leben weisen auf einen möglichen Wandel hin), nicht mehr nur zu verkleiden als das, was man gerne wäre, sondern man darf im „echten“ Leben ausprobieren, so zu sein, wie man gerne sein möchte. Im Film jedenfalls ist das möglich. Diskurse, die zwischen Altem und Neuem abwägen, pro und contra herausstellen und sich durchaus auch mit Kompromisslösungen zufrieden geben sind in den Unterhaltungsfilmen der 50er Jahre beinahe durchgehend präsent.

„Das Schwarzwaldmädel“ zeigt Freiheit, Konsum, leichte Unterhaltung, Beziehungen – aber gemäßigt, augenscheinlich traditionell, wenig freizügig (möglicherweise, um ästhetisch und ideologisch einem Publikum entgegen zu kommen, „dessen Bewußtsein aber immer noch von der Angst vor ‚Überfremdung’ geprägt war.“[13]). Dieses Muster ist typisch für den Unterhaltungsfilm der fünfziger Jahre, der „mythologische Aufgaben“[14] erfülle:

  1. Gesellschaftliche und kulturelle Kontinuität herstellen, nicht erwünschte Themen ausblenden
  2. Wandlung einer „„alten“ Industriegesellschaft und einer alten Agrargesellschaft in eine moderne Industriegesellschaft, die ihre „Kultur“ immer mehr von der Arbeit auf die Freizeit verlagert.“
  3. Wunscherfüllung in Form von Essen, Trinken, große Autos, Konsum, Ferien, sozialer Aufstieg und technologischer Fortschritt, daneben Instanz, die „moralische Bezugssysteme“ zur Verfügung stellt
  4. „Bewältigung und Strukturierung der über die Krise sich neu formierenden Familie und der Integration der unvollständigen Familien“
  5. Wiedererstarkung der männlichen Positionen in Familie, Alltag, Gesellschaft und Bestätigung der Frauen „in einer neuen sozialen Rolle“
  6. Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse, die „weder das Neue […] noch das Alte“ waren, sondern vielmehr die Lösung mittels eines dritten Weges.[15]

Auch der Film „Das Schwarzwaldmädel“ greift einige dieser Thematiken auf, wie im folgenden erläutert wird. „Wie umgehen mit dem Fremden? Wie umgehen mit dem Vergangenen? Wie umgehen mit dem Weiblichen?“. Diese konkreten Fragen schwingen in den Ferien- und Heimatfilmen der damaligen Zeit mit:[16] Auch „Das Schwarzwaldmädel“ diskutiert einige dieser Fragen und liefert den Zuschauern auch gleich mögliche Antworten mit – die dann wiederum als Ausprägungen der oben aufgeführten sechs Kategorien von „mythologischen Aufgaben“ erscheinen.

Das Land als Rückzugsnische vor dem alltäglichen Stadtleben und als Ebene, auf der Werte und Lebenseinstellungen reflektiert werden

In Baden-Baden, Dreh- und Spielort könnte die 1950 wieder eröffnete Spielbank sein, beginnt der Film „Das Schwarzwaldmädel“ mit einer Eisrevue, gefolgt von einem pompösen Ball. In der Stadt also ist der Ausgangspunkt der Geschichte, die auf dem Land, in St. Christoph im Schwarzwald, ihr „Happy End“ nimmt. Der Spielort Baden-Baden repräsentiert im Film leichte Unterhaltung und materielle Macht, ein Ort, an dem Beziehungsprobleme entstehen, Dekadenz zur Schau gestellt und die Liebe zu einer Frau Auslöser dafür ist, dass teurer Schmuck in Form eines Diamantenkolliers unerlaubt entwendet wird.[17]
Im Kontrast dazu steht der Schwarzwald, genauer der kleine Ort St. Christoph. Dort scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Anerkannte Hierarchien gibt es auch auf dem Land. Doch bleiben sie bleiben unhinterfragt. Dominant sind herrliche, unversehrte Landschaften, traditionsbewusste und fröhliche Junge Menschen, funktionierende mikro-soziale Strukturen und verkehrstechnische Infrastruktur – und dabei auch Platz für Diskussionen um Lebensentwürfe, Religiosität, Familie, Tradition, Vergangenheit, Zukunft und die Notwendigkeiten und Kompromisse des Lebens.
Während im Film die Stadt als Rahmen der eigentlichen Handlung dient, als Punkt, an dem die Geschichte beginnt und auch endet, kommt dem Land besondere Bedeutung zu. Es wird zum Ort, an dem die Städter Zuflucht vor ihren alltäglichen Beziehungsproblemen, Abstand zum Alltag suchen ebenso wie zu einer Plattform, auf der Tradition und Zukunft aufeinander treffen und sich miteinander arrangieren.

Popularisierung der Tradition

Vor diesem Hintergrund tritt Bärbel als Inbegriff des Ländlichen auf. Mit ihrer Person (sie spricht Dialekt, trägt eine echte Tracht, scheint vertaut mit den typisch ländlichen Gepflogenheiten, Bräuchen und Sitten) wird, genau wie mit den Bildern des Schwarzwalds, lebendige und gelebte Tradition konnotiert. Doch von dieser Tradition sind im „Schwarzwaldmädel“, genau wie im realen Leben, nur noch Bruchstücke vorhanden: Trachten, Religiosität, katholische Feiertage, auch ein wenig ländlichen Brauchtums. Denn Tradition, so Alexander und Margarete Mitscherlich, „war gerade das, was durch die nationalsozialistische Herrschaft am nachhaltigsten zerstört wurde […] Übrig geblieben sind äußerliche Gewohnheitselemente, Verhaltensmuster und Konformismen, welche eine darunterliegende ziemlich unartikulierte Lebensform wie eine Kulisse verdecken. Und diese überall aufgestellten Versatzstücke geben unserer innenpolitischen Wirklichkeit und unserem Alltag einen theatralischen und unwahrhaftigen Beigeschmack.“[18] Dieser theatralische Beigeschmack heftet auch dem Film an. Die dargestellte ländliche Tradition (z.B. das Cäcilienfest mit pompösem Gottesdienst, Festumzug und anschließendem Fest) ist auch hier in erster Linie unreflektiert und nur Kulisse, trotzdem einige der Protagonisten sie leben. Vielmehr wird Tradition zum ästhetischen Erlebnis, zum Freizeitvergnügen und zum Spielplatz, auf dem die Protagonisten ihre individuellen Bedürfnisse ausagieren. Lediglich in rudimentären Ansätzen bleibt Platz für Diskussionen um Lebensentwürfe, Religiosität, Familie, Vergangenheit, Zukunft und die Notwendigkeiten und Kompromisse des Lebens. Dabei fällt der Tradition in Form von Landleben und religiös geprägten Leben als Gegenpol zu einem „modernen“ Lebensentwurf eine prägnante Rolle zu. Sie symbolisiert das Alte.

Popularisierung der Natur

Eine ähnliche Bedeutungsveränderung hat die Darstellung von Natur erfahren. Natur im „Schwarzwaldmädel“ ist präsent, allerdings hat sie keine Bedeutung mehr hinsichtlich der Mensch-Naturbeziehung oder dem Ringen mit der Naturgewalt. Dieser „metaphysische“ Aspekt ist im „Schwarzwaldmädel“ „sozial überwunden“.[19] Von einem sehr individuellen Verhältnis der Natur geht die Tendenz dahin, das Land und die Natur für ein breites Publikum verfügbar zu machen. Im Film dominiert nicht ein spezifische und individuelle Bezug zur Natur, sondern es dominiert viel mehr der Diskurs um traditionellen und modernen Lebensstil vor ländlicher Kulisse. Das Land, das physischen Sicherheit während des Krieges bedeutete, steht im Schwarzwaldmädel für „geistige“ Geborgenheit ebenso wie für „heile Welt“. Hier gelten noch alte Werte und feste Strukturen; das „moderne“ leichte, unbeschwerte und auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ausgerichtete Leben bringen die Städter auf ihrem Wochenendausflug mit. Welche Funktion hat dabei das Land für die Städter?
Sie nutzen das Land als Rückzugnische und Abgrenzungsraum vor ihrem Stadtleben, was ihnen die Dorfbewohner von St. Christoph auch gewähren. Nicht explizit, aber doch angelegt, ist dabei die „ästhetische Vernichtung des Regionalismus“[20] ebenso wie die „Touristenklamotte“ der späten 50er und der 60er Jahre. Im „Schwarzwaldmädel“ allerdings sind die Städter noch Exoten auf dem Land, die auf die Strukturen, Machtgefüge und den Wohlwollen der Landbevölkerung angewiesen sind. Sie gewinnen Abstand zu ihrem regulären Leben, können stellenweise nicht auf den Luxus zurückgreifen, den sie eigentlich gewohnt sind (z.B.: Richard und Hans müssen zu Fuß in fremder Kleidung weiter ziehen, nachdem ein Landstreicher ihre Klamotten und Patzke ihren Motorroller entwendet hat. Oder: Der Juwelier Bussmann beklagt sich darüber, dass in seinem Hotelzimmer die Bettdecke zu schwer und das Waschbecken zu klein sei.).
Auch ist das Land für die Städter eine Reflexionsebene, auf der sich die Protagonisten darauf besinnen können, was ihnen wirklich wichtig ist. Richard und Hans durchlaufen auf ihrer Reise so etwas wie eine Katharsis, wobei sie sich von ihrem Stadtleben befreien. Das Reinigungsritual findet an der Kuhtränke statt, bevor sie sich, mittellos und in zerrissenen Kleidern, auf ein Leben als Landstreicher einlassen und für ein wenig Essen musizieren und Holz hacken. Abgeschwächt wird die Idee einer Läuterung jedoch durch den Spaßcharakter, der dem Handeln von Hans und Richard eingeschrieben ist. Von existenzieller Not sind sie weit entfernt, körperliche Arbeit als Gegenleistung für Nahrung zu verrichten scheint ihnen auch mehr Freude zu bereiten als dass sie eine ernsthafte Notwendigkeit dahinter sehen würden.

Alt, Neu und der Kompromiss zwischen Vergangenem und Künftigem – Drei markante Positionen

„Alles muss sei Ordnung habe“ – Traditionelles Verständnis von Ehe und Elternschaft trifft auf rational weltliche Sichtweisen

… „Und rauchen sollet Sie doch auch ned. … Wege de Vorhäng.“ Bärbels Tante Traudel, die Wirtschafterin des Domkapellmeisters, hält Ordnung in der Wohnung. Die Möbel müssen an den für sie vorgesehenen Plätzen stehen, und Zigarrenasche darf auch nicht herumliegen. Ordnung muss jedoch nicht nur in der Wohnung herrschen, sondern auch in familiären Verhältnissen. Traudels Schwester zum Beispiel erwartet ihr achtes Kind (zu dessen Geburt besucht Traudel ihre Schwester und Bärbel übernimmt für diese Zeit die Arbeit ihrer Tante im Haushalt des Domkapellmeisters). Die Zahl der Kinder erscheint dem Domkapellmeister sehr hoch, doch Tante Traudel hat dafür eine Erklärung: „Die Kinder komme vom Liebe Gott“. Der Domkapellmeister lässt Zweifel anklingen. Doch die Wirtschafterin Traudel beharrt auf ihrer Meinung. Der Domkapellmeister würde darüber auch anders denken, wenn er erst einmal verheiratet sei. An der Zeit wäre es ja wohl. Während der Domkapellmeister meint, er habe ein Hirn im Kopf und würde deswegen noch keine Frau haben, handelt er die Thematik eher mit weltlichen Kategorien ab. Auch auf seine Selbstcharakterisierung, innerlich sei er „a ganz a wüschter Casanova“, kontert Traudel „Mit solche Dinge darf man keine so frivole Scherze mache, Herr Domkapellmeischter.“, während sie die Madonna mit einem Tuch von Staub befreit. Die Wirtschafterin bleibt weiterhin in ihrer Argumentation in katholisch kirchlichen Kategorien und weist den Domkapellmeister eindringlich darauf hin, dass er solche Scherze doch unterlassen solle, so lange Bärbel bei ihm ist. „Die Bärbel ist nämlich ein anständigs Mädle.“

Religion, Ehe, Elternschaft und Liebe, durch den Partnertausch der Protagonisten implizit sicherlich auch Sexualität, sind zentrale Themen, die in dem Film „Das Schwarzwaldmädel“ diskutiert werden. Während die Städter Malwine, Hans, Richard und der Juwelier Bussmann wie selbstverständlich enge Liebesbeziehungen aufkündigen und sich auf die Suche nach anderen Partnern machen, bewegen sich die ländlichen Vertreter noch in traditionellen Schemata. Ordnung und Religion scheinen dabei eine wesentliche Rolle zu spielen. Die Einheimischen des Dorfes St. Christoph haben, wie Tante Traudel, ein konservatives und katholisch geprägte Einstellung zu Ehe, Elternschaft und Liebe, auch der Wirt des Ortes ist darauf bedacht, seine Tochter zu verheiraten – ihr wird das „Privileg“ der freien Partnerwahl vorenthalten zugunsten eines vom Vater erwünschten hohen Brautgeldes. Neben Tante Traudel führt auch der Domkapellmeister, schon einige Jahre älter als die jungen Protagonisten, die neue Beziehungen für ihr Leben suchen, ein Leben nach Zwängen. Allerdings sind diese, wie er dem Bärbele erläutert, materieller Art (er wäre gerne Komponist geworden, aber der Hunger und die Not haben ihn dazu gezwungen, eine feste Anstellung anzunehmen – egal welche). Wesentlicher ist: Auch er hätte gerne eine Frau, allerdings nicht unbedingt, um mit ihr eine Familie zu gründen, wie er anklingen lässt. Zudem seien Familie und Kinder in erster Linie Fragen der Vernunft.

„Wohlstand für alle“[21] – Ein Blick in die „Goldenen Fünfziger“

Von Autoren wie beispielsweise Wolfgang Koeppen wurde die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre als konsumorientierte Restaurationsgesellschaft von Neobiedermeiern heftig kritisiert und politische Entscheidungsträger angeprangert, sie würden sich auf Kosten ihrer Integrität dem Konsum und dem persönlichen Vorteil verschreiben. Konsum ist im „Schwarzwaldmädel“ in den Kontext individueller Bedürfnisbefriedigung der „einfachen“ Leute eingebettet. Im Film stehen die Protagonisten aber erst noch an der Schwelle zu einem Modell von Konsum, das massenhafte Verfügbarkeit des Angebots und individuelle Wahlmöglichkeit impliziert. Gelegenheiten, zu konsumieren, treten im „Schwarzwaldmädel“ noch eher zufällig ein: Der Angestellte Patzke gewinn den Präsentkorb, die Magd Bärbel ein Auto (um solch ein Auto käuflich zu erwerben, waren 1950 weit mehr als 500 Arbeitstage[22] nötig). Patzke wird verhaftet und landet statt in einer spartanisch eingerichteten Gefängniszelle in einem vollen Vorratskeller. Auf Einladung wird Alkohol getrunken. Das ist Luxus pur. In diesem Entwurf von Gesellschaft und zwischenmenschlichem Miteinander scheint alles möglich, für Jedermann, auch für die „einfachen“ Leute, wie der Film vorführt. Selbst die Künstler Hans und Richard bekommen als Landstreicher die Möglichkeit, sich mit ein wenig Holzhacken eine warme Malzeit zu erarbeiten.
Mit der Symbolisierung von dem, was im kommenden Konsumreigen der späten 50er Jahre als Stabilitätsgrad dient, drückt sich eine Vorahnung aus, wohin sich die westdeutsche Gesellschaft entwickeln könnte. „Das Schwarzwaldmädel“ wird so zum Übungsterrain für die Konsumgesellschaft, die zu Beginn der 50er Jahre gerade erst dabei ist, sich zu formieren.
Obwohl Deutschland 1950 erst an der Schwelle zum Konsum stand (gerade erst wurden die Lebensmittelmarken abgeschafft), ist im „Schwarzwaldmädel“ Deutschland nicht nur satt, sondern auch mobil. Auf seinem Weg in den Schwarzwald nutzt Patzke ein Fahrrad, er muss für einen Zug an einer Schranke halten, dann lässt er sich auf einem Transporter mitnehmen und letztendlich „leiht“ er sich den Motorroller von Hans und Richard, bis er an seinem Ziel ist. Bärbel fährt mit ihrem neuen Ford Taunus Kabriolett in den Schwarzwald. Hans und Richard haben sich mit einem Motorroller auf den Weg gemacht, Malwine kommt mit dem Zug nach. Auch Tante Traudel geht auf Reisen, genau wie Malwine mit dem Zug. Betrachtet man den status quo 1950 in Deutschland, erscheinen die Bilder wie „Pirouetten der Immobilität“ einer damals bei weitem noch nicht so mobilen Gesellschaft, die davon träumt, wieder beweglich und „manövrierfähig“ zu sein.

„Und der Walzer verträgt sich nicht mit der Würde eines Domkapellmeisters?“ – Alt und Neu schließen Kompromisse

Auf der Rückfahrt vom Bahnhof in Bärbels neuem Ford Taunus kommen Bärbel und der Domkapellmeister durch den Walzer, der im Radio läuft, ins Gespräch. Zuvor hatten die beiden Tante Traudel, und mit ihr auch die entschiedene Vertreterin traditioneller Werte, verabschiedet.

Bärbel:                       „Oh je, entschuldige Sie, a Walzer.“
Domkapellmeister:  „Ja lassen Sie doch, hör ich doch sehr gern.“
Bärbel:                       „Ein Walzer?“
Domkapellmeister:  „Ja, warum denn nicht?“
Bärbel:                       „Ha, ein Walzer ist doch nix für Sie.“
Domkapellmeister:  „Ah so, weil ich im Dom immer die Messen spiele, was? Und der Walzer verträgt sich nicht mit der Würde eines Domkapellmeister, was?“
Bärbel:                       „Ja, ich hab mir denkt, sie haben keinen Sinn für so weltliche, leichte Musik.
Domkapellmeister:  „Ich will Ihnen was verrate, kleines Fräulein. Früher einmal hab ich auch große Rosinen ghabt im Kopf. Opern wollt ich komponieren und Lieder oder Operetten auch. Aber die Not hat mich gezwungen, a feschte Stellung anzunehmen und da hab ich eben verzichtet.“

Mit der Vermutung des Domkapellmeisters, dass es anfangen könnte zu regnen, beendet er das Gespräch.

Der Domkapellmeister ist für sein Alter, wie ihm seine Haushälterin Traudel zu verstehen gibt, recht progressiv eingestellt. Obwohl er in seinem Amt des Domkapellmeisters bei der Ankunft Bärbels ein Lied zu Ehren der Heiligen Cäcilie, der Schutzheiligen der Musik, komponiert, bekennt er sich zum Walzer. Domkapellmeister ist er nicht aus Überzeugung, sondern aus existentieller Not heraus geworden. Nun, wo es ihm gut geht und er sozial abgesichert scheint, traut er sich auch, motiviert und animiert von der jungen Frau Bärbel, sich wieder seiner Leidenschaft, dem Walzer und der leichten Unterhaltungsmusik, zuzuwenden. Auch wenn der Schritt nicht einfach war – die Angst, „die Leute“ würden mitbekommen, dass er Walzer spielt, also die Angst vor einer möglichen negativen Bewertung seines Tuns, ist da. Eine gewissen Anspannung schwingt mit, wenn der Domkapellmeister Walzer spielt, der wie etwas Verbotenes, ein Tabu in kirchlichen Kreisen und nicht Status adäquat behandelt wird. Die Auflösung dieser angespannten Situation geschieht, als der Domkapellmeister auf dem Cäcilienfest von einem Geistlichen für seine musikalischen Künste im Bereich der leichten Unterhaltung gelobt wird und so Bestätigung für seine Leidenschaft erfährt. Seine Hinwendung zur Unterhaltung um der Unterhaltung Willen, ohne Zweckgebundenheit, wird von kirchlicher Seite für gut geheißen.

Mit dem Gespräch zwischen Tante Traudel und dem Domkapellmeister zu Beginn des Films ist der Auftakt für den Diskurs um gesellschaftliche und individuelle Lebensentwürfe, wie er umfassend charakterisiert werden kann, gegeben. Zur Wahl stehen ein katholisches Leben mit vielen Kindern und bestimmten Lebensregeln und nach religiösen Leitlinien sowie ein „modernes“, dynamisches, unbeschwertes, freies und auch freizügiges Leben, ohne oder nur mit wenigen ethischen und moralischen Bindungen, dafür mit Auto, wechselnden Partnern, Nahrung im Überfluss, Freizeit, Freiheit und Mobilität.
Als Sprachrohr der Fraktion, die traditionelle und religiöse Werte vertritt, artikuliert Tante Traudel die Position des „Alten“. Relevant dabei sind für sie Religion und häusliche Ordnung, Anstand und Sittlichkeit.
Für den Domkapellmeister sind ihre Argumente und ihre Lebenseinstellung sicherlich nachvollziehbar, doch er selbst hat eine andere Vorstellung von Ehe, Familie und Ordnung. Damit distanziert er sich deutlich von Tante Traudel und positioniert sich in Richtung der Städter und jungen Leute, mit denen er im Laufe der Handlung zu tun haben wird. So wird er zu der wesentlichen Figur, die durch seine Zuneigung zu Bärbel, als Vertrauter von Hans (der dem Domkapellmeister seine Liebe zu Bärbel gesteht), durch seine Lebenserfahrungen und durch seine rationale Distanz zu Traditionen und Religionen als „Vermittler“ zwischen der alten und der jungen Generation wirkt.
Bärbels erscheint in Beziehung zum Domkapellmeister eher als auslösendes Moment, das den Domkapellmeister zum Walzer-Spielen animiert, ihn wieder verliebt sein lässt, ihn zum Reflektieren seines bisherigen Lebens bewegt. Sie selbst ist weder als Vertreterin des Alten noch des Neuen reflexiv aktiv, vertritt nur auf einer ästhetischen Ebene die heile Welt.
Der Domkapellmeister ist es auch, auf dessen Rücken schließlich der prägnanteste, wenn nicht sogar einzige, Kompromissschluss zwischen Altem und Neuem geschieht. Im Spannungsfeld zwischen alten Werten (dafür steht der Vertreter der Kirche auf dem Cäcilienfest) und neuen Unterhaltungs- und Konsumbedürfnissen (symbolisiert durch den Walzer) wird dem Domkapellmeister gegen Ende des Films auf dem Cäcilienfest von Seite der katholischen Kirche der Freiraum gewährt, seiner bisherigen Anstellung weiterhin nachzukommen (also weiterhin existentiell abgesichert zu sein) und dennoch dem Walzer, der leichten Unterhaltung, nicht entsagen zu müssen und sie genießen zu dürfen. Diese „Durchführbarkeitseinschätzung“ eines mischförmigen Lebensentwurfs ist wohl eine der dominantesten, die den Versuch, „Alt“ und „Neu“ miteinander zu verbinden, ermutigend bestätigt und in einer optimistischen Vision gesellschaftlichen Zusammenlebens ausdrückt: Kompromisse sind möglich, selbst zwischen Generationen und Vertretern unterschiedlicher Weltanschauungen. Interessant ist, dass nicht die verfügbaren Konsumgüter oder Verkehrsmittel als Symbole für das Neue für den Schulterschluss zwischen Alt und Neu eingesetzt werden. Die Verbindung geschieht über die Wiederherstellung des „inneren Friedens“ beim Domkapellmeister und bleibt so sehr abstrakt.

 

4. Fazit

Ist „Das Schwarzwaldmädel“ lediglich Ausdruck der Verdrängungsarbeit, die die deutsche Bevölkerung damals leistete? Im Zentrum des Films stehen nicht nur ästhetische Erfahrungen, die die konsequente Ausklammerung von Trümmer- und Kriegsbildern, Elend- und Not zugunsten unberührter ländlicher Idylle impliziert, sondern auf Einstellungen zu Familie, Kirche, Tradition und modernem Leben ebenso wie ein Ausblick in die Mögliche Zukunft der westdeutschen Gesellschaft.

Mit heiler Landschaft, prächtige Farben, Traditionsbewusstsein, Ruhe und Zufriedenheit funktioniert das Land im „Schwarzwaldmädel“ als Rückzugsnische und Reflexionsplattform: zum einen aus filmanalytischer und semiotischer Sicht für die Protagonisten, zum anderen praktisch und greifbar für die Kinobesucher. Aus dieser Perspektive kann das Potential des Films darin liegen, den schwere, grauen, entwurzelten Alltag, der nach wie vor deutlich vom vergangene Krieg gekennzeichnet ist, und die Vergangenheit des Krieges zu verleugnen und der Eskapismusthese folgend der Flucht aus dem Alltag oder der „Kompensation für nicht erfüllte Wünsche und Träume“[23] dienen. Diese These würde den Gedanken der Rückzugnische stützen.
Der Film beschränkt sich jedoch nicht nur auf Bilder, die heile Landschaften zeigen oder die ländlich deutsche Tradition aus dem Schwarzwald klischeehaft darstellen. In der Dynamik der Gebrochenheit und Orientierungslosigkeit der westdeutschen Gesellschaft Ende der 40er Jahre und ihrer Wunschvorstellungen jenseits des grauen Alltags entstand mit dem „Schwarzwaldmädel“ ein Kinofilm, der die Brüchigkeit der damaligen Zeit erfasst und als Reflexionsplattform dient. Das gelingt dem Film zum einen mit dem Spagat zwischen Altem, das noch funktioniert, vertraut ist, praktisch anwendbar und theoretisch diskutierbar erscheint (z.B. Tradition, Ordnung, Religion, Familie, Besitz vor dem Hintergrund ländlicher Kulisse dargestellt) und dem Neuen (sporadische Mobilität, Konsum und Vergnügen), das noch in den Kinderschuhen steckt. Zum anderen umreißt er die Kontur dessen, was in der Zukunft möglich wäre und tatsächlich in den kommenden Jahren der 1950er zu den neuen Werten einer Konsumgesellschaft gehören wird und bringt so die Zukunft in eine mögliche Form. „Das Schwarzwaldmädel“ entwirft das Land, Reichtum, Freizeit, Verfügbarkeit, Wahlfreiheit und Glück materieller und immaterieller Art als gedankliche Fluchtpunkte der Nachkriegsgesellschaft (und denkt neben einem Wertewandel in Ansätzen auch Muster von Individualisierung und Innenorientierung mit). In dieser brüchigen Übergangsform – Was soll für die Zukunft gewählt werden: Altes, Neues oder beides? – drückt sich in dem Film eine Latenz aus, die integrierend und diskursiv wirkt, indem sie Altes und Neues umfasst, es nebeneinander stellt, es gegeneinander abwägt und abschließend im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu für alle zufriedenstellende Kompromisse erlaubt.

In seiner Funktion als Nische und als Reflexionsebene bietet der Film seinen Zuschauern (und das waren innerhalb von 2 Jahren immerhin 14 Millionen Menschen) „symbolisches Material“[24], aus dem sie sich ihre Zukunft basteln können, so wie sie wollen: Sei es die Fantasie einer Zukunft mit Familie und religiöser Bindung, sei es die Vorstellung von einem Single-Dasein, Liebesaffären und weltlichen Freuden aller Art; denkbar wäre ein Leben in der Stadt, aber auch auf dem Land ist der spätere Wohnsitz vorstellbar usw. Die Argumente – pro und contra – liefert der Film idealer Weise gleich mit. Bleibt abschließend die bange Frage, ob jeder solch ein Glück haben kann wie die Protagonisten des Films. Die positive Antwort,  nämlich dass der glückliche Zufall jeden, auch den „kleinen Mann“, treffen könnte, liefert das Element des „Hans im Glück“, verkörpert vor allem von dem Juweliersangestellten Patzke. Was mit Patzke nur angedeutet ist, spricht dann auch der Domkapellmeister mit tröstenden und Zuversicht spendenden Worten nochmals explizit aus: „Es geht  nicht immer so, wie man haben möcht. Was hab ich schon für Hoffnungen begraben müssen. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend. Plötzlich scheint wieder die Sonne und sieht alles wieder anders aus.“

 

Literaturnachweis

Bachmair, Ben: Fernsehkultur. Subjektivität in einer Welt bewegter Bilder. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1996.

Geiss, Imanuel: Geschichte griffbereit. Dortmund (Harenberg Lexikonverlag) 1993.

Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München, Wien (Carl Hanser Verlag), 1997.

Merten, Klaus: Wirkungen von Kommunikation. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 291-328.

Mitscherlich, Alexander, Mitscherlich, Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München (Piper Verlag) 2004, 18. Auflage.

Seeßlen, Georg: Durch die Heimat und so weiter. Heimatfilme, Schlagerfilme und Ferienfilme der fünfziger Jahre. In: Berger, Jürgen, Reichmann, Hans-Peter (Hrsg.): Zwischen Gestern und Morgen. Westdeutscher Nachkriegsfilm 1946-1962. Deutsches Filmmuseum (Frankfurt am Main) 1989, S. 136-161.

Sørensen, Bengt Algot (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band 2. München (Beck’sche Verlagsbuchhandlung), 1997.

 

Quellennachweis Internet

http://www.goethe.de/su/ned/film/blackforest.htm. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005.

http://www.felix-bloch-erben.de/index.php5/Action/showAuthor/cid/3/aid/121. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005

http://www.film-zeit.de/home.php?action=result&sub=film&film_id=1727. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 30.05.2005.

http://www.film-zeit.de/home.php?action=result&sub=film&film_id=11707. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 30.05.2005.

http://www.slogans.de. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005.

 


[1] Sørensen, Bengt Algot (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band 2. München (Beck’sche Verlagsbuchhandlung), 1997, S. 267.

[2] Brunhöber, Hanna: Unterhaltungsmusik. In: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 4: Kultur. Frankfurt am Main 1989, S. 173f. Zitiert nach: Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München, Wien (Carl Hanser Verlag), 1997, S. 143.

[3] Operetten von Jessel durften während der NS-Zeit in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden. 1942 wurde Léon Jessel von der Gestapo in Berlin zu Tode gefoltert. Aus: Quelle: http://www.felix-bloch-erben.de/index.php5/Action/showAuthor/cid/3/aid/121. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 30.05.2005.

[4] Produktion: Luna-Film GmbH, Berlin. Aus: http://www.film-zeit.de/home.php?action=result&sub=film&film_id=1727. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 30.05.2005.

[5] Produktion: Ariel-Film GmbH, Berlin. Aus: http://www.film-zeit.de/home.php?action=result&sub=film&film_id=11707. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005.

[6] http://www.goethe.de/su/ned/film/blackforest.htm. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005.

[7] Frei übersetzt nach: http://www.goethe.de/su/ned/film/blackforest.htm. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005.

[8] Geiss, Imanuel: Geschichte griffbereit. Dortmund (Harenberg Lexikonverlag) 1993.

[9] Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München, Wien (Carl Hanser Verlag), 1997, S. 30.

[10] Quelle: http://www.slogans.de. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am: 18.05.2005.

[11] Mitscherlich, Alexander, Mitscherlich, Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München (Piper Verlag) 2004, 18. Auflage, S. 28f.

[12] Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München, Wien (Carl Hanser Verlag), 1997, S. 238.

[13] Brunhöber, Hanna: Unterhaltungsmusik. In: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 4: Kultur. Frankfurt am Main 1989, S. 173f. Zitiert nach: Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München, Wien (Carl Hanser Verlag), 1997, S. 143.

[14] Seeßlen, Georg: Durch die Heimat und so weiter. Heimatfilme, Schlagerfilme und Ferienfilme der fünfziger Jahre. In: Berger, Jürgen, Reichmann, Hans-Peter (Hrsg.): Zwischen Gestern und Morgen. Westdeutscher Nachkriegsfilm 1946-1962. Deutsches Filmmuseum (Frankfurt am Main) 1989, S. 140.

[15] Seeßlen, Georg: a.a.O., S. 140.

[16] Seeßlen, Georg: a.a.O., S. 159f.

[17] De facto ist Baden-Baden seit 1945 Sitz der französischen Militärverwaltung in Deutschland, hat also durchaus eine Konnotation zu politischer Macht, mit der Wiederaufnahme des Kurbetriebes ebenfalls im Jahr 1950 sind gesellschaftliche Relevanz und materieller Wohlstand des Kurortes verbunden.

[18] Mitscherlich, Alexander, Mitscherlich, Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München (Piper Verlag) 2004, 18. Auflage, S. 20f.

[19] Seeßlen, Georg: a.a.O., S. 159.

[20] Seeßlen, Georg: a.a.O.

[21] Ludwig Erhard 1957.

[22] „1950 kostete […] ein Volkswagen 493 Arbeitstage […]“. Aus: Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München, Wien (Carl Hanser Verlag), 1997, S. 217.

[23] Merten, Klaus: Wirkungen von Kommunikation. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 316.

[24] Bachmair, Ben: Fernsehkultur. Subjektivität in einer Welt bewegter Bilder. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1996, S.51.

Selbstreflexion der Medien und die “Nutzungsmacht” des Publikums brechen das Bild der übermächtigen Medien und des Elitejournalismus auf

Im Rahmen des Seminars “Eliten in Politik und Gesellschaft: Konzepte und Kritik.”, das an der Uni Kassel stattfand, habe ich den folgenden Text mit dem Titel “Selbstreflexion der Medien und die „Nutzungsmacht“ des Publikums brechen das Bild der übermächtigen Medien und des Elitejournalismus auf” verfasst:

 

Judith Seipold
08. Juni 2005

Einleitung

Auffassungen vom Beruf des Journalisten sind ständig im Wandel begriffen. „Der Impetus der 70er Jahre war natürlich „Aufklärung“. Man wollte das Publikum über die wahren Hintergründe schlau machen“[1] und ihnen Informationen zugänglich machen, die aufgrund zu geringen „Nachrichtenwertes“ nicht den Weg in die Tagesnachrichten schafften. In der Konsequenz reglementierten Nachrichtenflusses entstanden Agenturen, die „alternative“ Nachrichten, also Nachrichten, die nicht an die Öffentlichkeit gelangt waren, verbreiteten. Zudem hatten es sich Übersetzer, sogenannte Gegenexperten, zur Aufgabe gemacht, Gegendarstellungen zu etablierten Meinungen zu geben und Expertensprachen wie z.B. die politische Sprache zu „übersetzen“, zu erläutern und für breite Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen (durch diese Art der Nachrichtenvermittlung sollte ein unterstelltes staatliches und politisches Informationsmonopol aufgebrochen werden). In Zusammenhang mit sozialen Bewegungen hat sich dieses System etabliert, das vor allem über Personalisierungen, Prominente und prestigeträchtige Akteure, funktioniert.
Dass Nachrichten nicht nur ausgefiltert, sondern gar selbst erfunden und gemacht werden können, hat der Journalist Günter Wallraff in seinem Buch „Der Aufmacher“[2] am Beispiel der „Bild“-Zeitung illustriert: Distanzlosigkeit ihrem Klientel gegenüber, Bestechlichkeit, Themensetting nach eigenen ökonomischen Interessen, Einbindung von Journalisten in medienpolitische Elitenetzwerke etc. dienen als Negativbeispiele; das sind Positionen, die Publizistik nicht einnehmen sollte. In diesem Sinne zeichnen die Reporterfilme der 70er Jahre Journalisten als in das soziale und politische System unkritisch und undistanziert integriert und gezwungenermaßen oder freiwillig parteiisch[3] und stellen das Bild eines tendenziell egozentrisch handelnden, distanzlos involvierten Journalisten neben das des Journalisten als objektiven und reflektierenden Beobachter, der informiert und vermittelt und dem Publikum so potentiell Teilhabe an öffentlichen Diskursen ermöglicht.
In den 80er und 90er Jahren wandelte sich das Selbst- und Fremdbild der Journalisten dahingehend, dass die belehrende Position, die explizit auf Aufklärung abzielten, aufgegeben wurde. Heutzutage konzentrieren sich Journalisten darauf, „dem Leser die Fakten zu liefern (…) und mit dem Kommentar eine Chance zur Einordnung“[4] zu bieten. Sie definieren sich in der Rolle als Informationslieferanten ihres Publikums und nicht mehr in erster Linie als Agenda-Setter und Gate-Keeper[5], die zugunsten ihrer eigenen ökonomischen Gunsten gezielt Informationen durchlassen oder zurückhalten können. [6] Hachmeister beschreibt diesen „neuen“ Publizistentyp mit Rollenmustern von Journalismus, Kommunikations-Manager und gesellschaftlicher Prominenz.[7]
Generell, so Ottfried Jarren, sei es an die Medien eine „normative Anforderung, vielmehr als Resonanzboden für extern an sie herangetragene Themen fungieren, Themen und Meinungen der Akteure auswählen, gewichten, kommentieren und – vor allem – vermitteln. Sie sollen damit den gesellschaftlichen Diskurs zwischen den Akteuren aus unterschiedlichen Systemen und zugleich die Teilhabe aller an der politischen Kommunikation ermöglichen.“[8] Damit stellt er die gesellschaftliche Relevanz eines unabhängigen und demokratischen Mediensystems heraus.
Wie jedoch beispielsweise Wallraff deutlich gemacht hat, und wie auch aus gesellschaftlicher, beobachtender Perspektive, die sich z.B. im Genre der Medienfilme widerspiegelt, zu ersehen ist, rückt der aufklärerische Gedanke, der idealer Weise hinter der Arbeit eines Journalisten stehen und zur Emanzipation und gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Teilhabe des Publikums beitragen sollte, ab und an in den Hintergrund.

Das Dilemma der Journalisten

Das Dilemma der Journalisten ist, wie sich aus der knappen Darstellung ergibt, das Spannungsverhältnis zwischen objektiver Anforderungen, subjektiven Bedürfnissen und tatsächlichen Handlungen, das sie aushalten müssen. So stellt die Öffentlichkeit Anforderungen in den Mittelpunkt dieses Dreiecks, die als Anhaltspunkte für journalistisches Arbeiten dienen sollen: Die Forderung, Medien sollten sich selbst, ihre Rolle in Relevanz für gesamtgesellschaftlichen Bereiche oder ihre Beziehung zur Politik reflektieren, formuliert Siegfried Weischenberg als Aufgabe einer „Ethik des Journalismus“. Die „ständige Reflexion über die Unterscheidungen, die dem individuellen Handeln zugrunde liegen“[9], solle Handlungsprämisse sein. „Dabei sind die Bedingungen des Systems ebenso zu berücksichtigen wie die Bedingungen moderner Gesellschaften, die immer mehr durch Systemvernetzungen gekennzeichnet sind“[10]. Konkret bedeutet das beispielsweise: In Situationen, in denen Informationen häufig nicht mehr selbstständig recherchiert sondern zunehmend auch über Presseagenturen oder PR-Einrichtungen bezogen werden, ist es wesentlich für Journalisten, kritische Distanz zu ihren Informationsquellen zu wahren, sich über die Hintergründe zu informieren, unter denen Nachrichten zustande kommen, genauso wie über Funktions- und Arbeitsweisen von Nachrichten verbreitenden Organisationen, zu hinterfragen, warum welche Informationen weiter gegeben werden, andere nicht, zu überprüfen, welche Absichten hinter einer gezielten Informationsweitergabe stecken.[11]

Lutz Hachmeisters These von der mangelnde Selbstreflexion der Elitejournalisten

Unter dem Gesichtspunkt des „Problem des Elite-Journalismus“[12] diskutiert Lutz Hachmeister die Rolle der Elitemedien im Verhältnis zu sich selbst und implizit im Verhältnis zu ihrem Publikum. Er stellt heraus, dass eine Öffnung hin zum Publikum so gut wie nicht geschieht und auch nur in Maßen gewollt ist. Besondere Aufmerksamkeit schenkt Hachmeister dabei der „zeithistorischen Selbstreflexion“[13] der Eliteblätter. Von außen, wie Lutz Hachmeister anmerkt, werde sie nur selten akzeptiert; in diesem Bereich zeigen die Medien sich nahezu unantastbar. Selbst ihre eigene Aufarbeitung dürfe nur von ihnen selbst initiiert werden und auch nur dann, wenn es für die eigenen Interessen passend und berechenbar scheint. In diesem Zusammenhang nehmen die Medien Gate-Keeper Positionen ein und praktizieren gezielte Themenplatzierung.
„Je mächtiger, größer und komplexer Systeme werden, um so irrelevanter werden Normierungen, die von außen dem System angeboten werden. Das heißt, das System reagiert selbstbezogen.“[14] Auf diese Weise habe vor allem die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) „das System der Selbstveredelung perfektioniert“[15]. Mit der Inszenierung von Pseudo-Ereignissen zur Aufarbeitung der deutschen und der eigenen Geschichte habe sie so zur Mythen- und Klischeebildung beigetragen habe, deutsche Zeitungen hätten nach 1945 zeithistorischen Reflexion betrieben und so zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte beigetragen. Statt Aufklärung im kantischen Sinne seien es ökonomische und eigennützige Interessen, die Elitejournalisten in Eliteblättern betrieben. Aus der mangelnden Selbstreflexion der Medien, Hachmeister bezieht sich vor allem auf den Bereich der Printmedien, dabei besonders den Elitejournalisten und Prestigeblätter, entstehen Problematiken, die sich zum einen auf die innere Funktionsweise der Medien als auch auf den Nutzen für die Nutzer auswirken: Die „Doppelgesichtigkeit einer hermeneutischen Elitepublizistik“[16] konstituiere sich aus der Selbstüberschätzung und nach außen zum Publikum einer Abgeschlossenheit sowie der fehlenden Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und gegenwärtigen Rolle. Gesamtgesellschaftlich relevant erscheint diese Problematik, da es für Elitepublizistik unter diesen Voraussetzungen nur bedingt möglich sei, einen Beitrag zu einer „liberalen, politischen Öffentlichkeit“[17] zu leisten. Es stellt sich die Frage nach der demokratischen Legitimation der Medien bzw. ihres Machtzuwachses.[18]

Medien: Mit Selbstreflexion gegen die Glaubwürdigkeitskrise

Abweichungen von gesellschaftlich ausgehandelten Normierungen und Standards dürften das Bild des Journalismus am deutlichsten prägen, wobei sicherlich negative Abweichungen prägnantere Anlässe zu Diskussionen um die Rolle der Medien oder speziell der Journalisten geben dürften. Dazu gehören z.B. Unzulänglichkeiten in der Berichterstattung während des Irakkriegs 2003 (z.B. Informationsdefizit, gezielte Kriegspropaganda, die die Journalisten kritisch bewerten mussten, um das Material möglichst neutral und diskursiv an das Publikum heran zu tragen), Verflechtungen von Medien-Eliten in ökonomische oder politische Interessen, das Verlangen nach Ruhm und Prestige oder auch eklatante journalistische Verfehlungen wie erst kürzlich in Zusammenhang mit dem Artikel der „Newsweek“ über Koranschändungen amerikanischer Soldaten in dem US-Gefangenenlager Guantanamo. Die Empörung, die der Zeitungsbericht vor allem in Afghanistan und anderen muslimischen Ländern ausgelöst hatte, sollte zunächst als falsch wieder zurückgezogen werden, kurze Zeit später wurden von Seiten der Militärführung jedoch tatsächlich unangemessenen Umgang mit dem Koran eingeräumt.[19] Dieser Vorfall macht wohl deutlich, wie sehr die Menschen den Informationen, die Medien verbreiten, trauen und wie wesentlich die Rolle der Medien für das gesellschaftliche und politische Leben werden können. Denn die Proteste richten sich nicht gegen unvorsichtigen Umgang mit Informationen und ihrer Verbreitung, sondern gegen diejenigen, die den Koran entehrt haben, und das sind in diesem Fall us-amerikanische Soldaten. Zudem forderten die Proteste in den muslimischen Ländern mehrere Tote und zahlreiche Verletzte. Nun wird den Medien in den USA eine „Glaubwürdigkeitskrise“[20] konstatiert. Marktwirtschaftliche Konsequenz: rückläufige Nutzungszahlen und schlechte Marktpositionen. Politische Konsequenzen: nur schwer absehbar.

Nutzer: Ihr Machtpotential liegt in der individuellen und reflexiven Nutzung der Medien

Unter diesem Aspekt davon zu Sprechen, dass Medien auf das Publikum „wirken“, ist nachvollziehbar. Einer der prominentesten Vertreter dieses kulturpessimistischen Wirkungsansatzes ist Neil Postman, der in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ eine übermächtige Position der Medien und unreflektierter Mediennutzung des Publikums zeichnet.[21] Das Publikum wird zum Opfer. Funktionszuweisungen von Medien als Agenda-Setter oder Gate-Keeper stützen sich auf einen kommunikationstheoretischen Hintergrund, der von linearer Wirkung der Medien auf das Publikum ausgeht. Jedoch hat sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Verständnis der Beziehung zwischen Medien und den Nutzern gewandelt. Demnach werden Medien und ihre Nutzung in den Kontext des Alltagshandelns der Mediennutzer gestellt; die Menschen eignen sich Medien und ihre Inhalte aktiv und sinnbezogen an. Von der Abweichung von einer Wirkungsannahme hin zu einem konstruktivistischen Ansatz, der den Mediennutzer und seine individuellen Erfahrungen, Bedürfnisse und Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, kann eine vermeintliche „Wirkung“ lediglich dahingehend unterstellt werden, dass sie fest in den Alltag ihres Publikums verflochten sind (die theoretische Fundierung findet sich in Kapitel 2). Nicht nur die Mediennutzer durch ihren alltäglichen Umgang mit Medien, sondern auch die Medien selber können dieses kulturpessimistische Wirkungsbild korrigieren; z.B., indem Medien die Anforderungen ihres Publikums an journalistisches Arbeiten und die Rolle der Medien um die tatsächliche Handlungspraxis zu ergänzen. Mit dem Durchschaubarmachen ihrer eigenen Strukturen beispielsweise bieten sie ihrem Publikum die Möglichkeit, die Funktionsweise der Medien nachzuvollziehen, zu verstehen und zu diskutieren.

Lesehinweis

Ausgehend von Hachmeisters These, den Medien mangele es an Selbstreflexion, vor allem in Sachen Aufarbeitung der eigenen Geschichte, sowie an dem Willen, sich dem Publikum gegenüber zu öffnen, werden im ersten Kapitel Phänomene dargestellt, die verdeutlichen, dass Selbstreflexion der Medien tatsächlich geschieht. Dabei sollen Momente, die das Bild der Medien mit generieren, deutlich gemacht und herausgestellt werden (a) welche Funktion von der Öffentlichkeit an Medien herangetragen werden, (b) welche Annahmen Elitejournalisten über sich selbst haben und die daraus entstehende Problematik und (c) wie Medien über sich selbst reflektieren. Zum einen wird deutlich, dass sich der Gedanke, Medien würden (Wirkungs)macht ausüben, zentral bei der Definition von Medien ist, zum anderen, dass Die vermutete Abschottung der Medien nach außen muss dabei genauso relativiert werden wie die Annahme, Medien würden nicht über sich selbst reflektieren.
Medien als nicht selbstreflexiv zu begreifen und ihnen Wirkungsmacht zuzuschreiben, birgt Risiken für die Mediennutzer, die sie vor dem theoretischen Hintergrund einer linearen Wirkungsannahme nicht einschätzen können und sich von Medien beeinflussen lassen müssen. Dass die Beziehung zwischen Menschen und Medien weniger durch lineare Wirkung als vielmehr durch sehr individuelle Nutzungsmuster und -bedürfnisse der Rezipienten bestimmt ist, wird im zweiten Kapitel mittels verschiedener Kommunikations- und Sozialisationstheorien diskutiert und beleuchtet das Verhältnis zwischen Menschen und Medien aus Perspektive der Nutzungsmöglichkeiten.

 

1. Medien reflektieren über sich selbst: Selbstreflexion der Medien – zwischen Kontrollfunktion und Machtausübung

Konzipiert als frei und gerne betitelt als „vierte Gewalt“ (als deren Kennzeichen „diese Beweglichkeit, Lebendigkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit“[22] aufgeführt werden können, so Dirk Baecker) mit einer beobachtenden Kontrollfunktion dem politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber, werden die Medien in Deutschland dennoch häufig als beeinflussend und wirkungsmächtig diskutiert. Als Beispiel sei die Erfurter Amoktat vom April 2002 angeführt. Schnell wurden Verbindungen zwischen der Leidenschaft des Täters für Ego-Shooter und dem Mord an seinen Mitschülern gezogen, mit Computerspielen schnell die Verantwortlichen für die Bluttat ausgemacht. Die . Rundfunkstaatsverträge, Landesmedienanstalten, Regulierungs- und Konzentrationsbehörden und freiwillige Selbstkontrolleinrichtungen haben in Deutschland die Funktion, Medienkonzentrationen, Einflussnahme und problematischen Inhalten vorzubeugen, sie zu diskutieren und gegebenenfalls gegen sie vorzugehen. Das geschieht auch vor dem Hintergrund des Wohles der Mediennutzer. Eine wesentliche Rolle kommt dabei auch den Medien selbst zu.
Für politische Sozialisation und Meinungsbildung gewinnt diese Thematik an Relevanz, da den Medien häufig Machtpotential unterstellt wird, das sie zu ihrem Vorteil, aber zu Ungunsten der Mediennutzer einsetzen. „Medien gehören (…) einer (…) politisch-kulturellen Führungsschichten an, sind also Teilhaber eines dichten Kommunikationsnetzwerkes von Entscheidern aus Politik, Wirtschaft und Kultur“[23] („Netzwerk“ bedeutet hier: Journalisten gehören zu einem „spätbürgerlichen Establishment“, das zurückgreifen kann und Zusammenhalt erfährt durch einem gemeinsamen, „aufeinander abgestimmten Habitus, gemeinsam geteilte kulturelle Orte und konkrete Kommunikationsbeziehungen“[24]). Unter dieser Annahme und in Zusammenhang mit Politikvermittlung ist schnell die Frage aufgeworfen, ob es die Medien sind, die das politische Tagesgeschehen mitbestimmen, oder ob es die Politiker sind, die Medien zu ihren eigenen Zwecken instrumentalisieren. Unterstellt man den Medien Einfluss und Macht, sind es die Politiker und Nutzer, die darunter zu leiden hätten: Es bestehe die Gefahr, dass Politiker zu Gunsten medialer Präsenz mit prestigeträchtigen Themen (Pseudoereignisse, symbolische Politik, hoher Nachrichtenwert) ihre gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigen würden, und Medien politische Steuerungsfunktionen bekommen könnten. Geht man andersherum davon aus, Politiker seien diejenigen, die Einfluss auf das Mediengeschäft hätten, bestünde die Gefahr, Medien als Propagandawerkzeug zu instrumentalisieren.
Wie stehen die Medien zu der Frage nach der Wirkungsmächtigkeit, die ihnen unterstellt werden? Das folgende Kapitel versucht zu verdeutlichen, dass sich Medien mit ihrer eigenen Rolle durchaus auseinandersetzen und sich das Selbst- und Fremdbild der Medien sowohl durch Macht affine Aspekte wie Gate-Keeper Funktionen, Habitus, Hierarchiestrukturen oder die selektive Rekrutierung der Mitarbeiter definiert, aber auch als demokratisches Element erscheint und sich mit der Öffnung seinem Publikum gegenüber diskutierbar macht.

(a) Kontrollfunktion der Medien
1948/49, drei Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, wurden in Deutschland sechs öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gegründet. Die Rundfunkanstalten hatten damals und haben noch heute die Aufgabe zu informieren, zu unterhalten und zu bildenden. Politische Einflussnahme sollte strukturell ausgeschlossen und inhaltlich stark reguliert sein: Mit der Schaffung der Grundlagen für ein dezentrales, voneinander unabhängiges und selbstverwaltetes, inhaltlich sowie von staatlichen Einflüssen freies Rundfunksystem sollte in erster Linie einer Instrumentalisierung zu Zwecken der Einflussnahme und Machtausübung vorgebeugt werden; der Einsatz der Medien als staatliches Propagandainstrument im Dritten Reich war noch all zu präsent. Nach dem zweiten Weltkrieg sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk als „unabhängiges publizistisches Medium zur Kontrolle der Regierenden“[25] dienen, quasi die Rolle der „vierten Gewalt“ im Staat einnehmen. Inhaltliche Regelungen, die die Position von Interessenvertretern aus Politik und Kirche zu den Medien definieren sollten, gaben die Programmgrundsätzen der Sendeanstalten vor, also auch, „unter welchen Umständen Vertretern politischer Parteien (beispielsweise vor Wahlen), der Kirchen und Sozialpartner“[26] Sendezeit zugestanden wird, ebenso, „daß Landesregierungen das Recht hatten, Gesetze und Verordnungen durch den Rundfunk bekannt geben zu lassen. Die Rundfunkjournalisten wurden verpflichtet, Nachrichten und Kommentar zu trennen“[27] und kenntlich zu machen. „Sachliche Kritik an Personen und Einrichtungen wurde ausdrücklich für zulässig erklärt, doch den Angegriffenen war die Möglichkeit zur Entgegnung einzuräumen.“[28] Mit dieser Option auf „Richtigstellung“ öffneten sich die Rundfunkanstalten ihrer Klientel potentiell zum Dialog. Rundfunk erscheint hier nicht mehr als Medium, das Einfluss ausüben und sich für Angriffe nach außen zum Publikum abschottet, sondern als im Prinzip offen und (inhaltlich) diskutierbar.

(b) Elitemedien und Prestigepaper – Definition des Selbstbildes der Medien über Macht affine Positionen
Kepplinger beschreibt die massenmediale Führungselite Ende der 1970er als „Kadergruppe des gesellschaftlichen Wertewandels, als geschlossene Kritiker- und Beobachterkaste, die vor allem im Sinn habe, das traditionelle Establishment aus Industrie, Verwaltung und bürgerlich-liberaler Politik zu attackieren.“[29] Sie sei „selbstzufrieden und immobil, orientiere sich zuallererst an Kollegenmeinungen und lehne die Verantwortung für unbeabsichtigte Folgen ihrer Tätigkeit ab.“[30] So sei Journalistik „eine durch Vorbildung, Berufswahl und Berufstätigkeit selektierte Gegenelite zu den Machtgruppen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft“[31]. Obwohl Hachmeister keine konkrete Definition des Elitebegriffs gibt, impliziert er doch, genau wie die Medien-Eliten im Urteil über sich selbst, einen bestimmten Habitus und interne hierarchische Strukturen als kennzeichnende Elemente für Elitepublizistik[32]. Gleichzeitig gibt er den Hinweis, dass der Trend dahin geht, dass bei der Rekrutierung der Mitarbeiter solcher Elitemedien Gesellschaftseliten immer weniger Beachtung finden, vielmehr Leistungs- und Funktionseliten in den Vordergrund treten. Gleichzeitig gewinnt die populärkulturelle Publizistik an Bedeutung, Zeitungen, und dieser Trend ist ebenso im Fernsehprogramm zu beobachten, gleichen sich inhaltlich thematisch an, versuchen, ein möglichst breitgefächertes Publikum zu erreichen und so Marktanteile zu sichern. Die endogenen Strukturen in Eliteblättern brechen, wie mit der Rekrutierung aus dem Pool der Leistungselite angedeutet, ebenso auf wie die exogenen (die sich z.B. in der Rekrutierung des Publikums äußern) auf. Obwohl nach wie vor starke Bindungen und netzwerkartige Verflechtungen bestehen, wird nicht zuletzt aufgrund einer tendenziellen Angleichung hin zur ideologischen „Neuen Mitte“ Zirkulation zwischen Elitemedien möglich[33], eventuell auch eine, aus Sicht der Medien möglicherweise ungewollte, Zirkulation des Publikums.

Elite-Journalismus und „prestige papers“ suchen Statuserhalt über interne hierarchische Strukturen, Habitus und Co-operate Identity
Der Elitejournalismus leide darunter, so Hachmeister, sich auf kein einheitliches Berufsfeld stützen zu können und auch darunter, ihr Berufsfeld zunehmend weniger aus einer Herkunftselite, dafür mehr aus Leistungseliten rekrutieren zu müssen.[34] Starker vertikaler Schichtung der Publizistik, unterschiedlichsten Rollenmustern, „Fragilität“, einer zeitweise „unklaren Legitimationsbasis“ oder „zweifelhaftem Ruf“ begegne man in bürgerlichen Traditionsblättern auf affektiver Ebene mit beispielsweise hierarchischen Rangordnungen, auf habitueller Ebene über beispielsweise Auftreten und Kommunikationsform kompensatorisch. Diese „institutionelle Qualitätsgarantie“[35] ist auch wesentlich für die Repräsentation des Blattes nach außen. Es wird als notwendig erachtet, „dass der fein abgestimmte innere Habitus dem formalen wie argumentativen Außenauftritt in möglichst geschlossener Anmutung entsprechen soll“[36] (Co-operate Identity).

„Den Allrounder eines Lokalblattes verbindet wenig mit dem Chefredakteur eines überregionalen prestige paper, und noch weniger mit dem Elitepublizisten, der sich stilistisch variantenreich über diverse Publikationsorte und -medien äußern kann, in hohem Maße über seine Eigenzeit verfügt und sich den gewöhnlichen Ritualen des Tagesjournalismus weitgehend entzieht.“[37]

Wie in der Einleitung dargestellt, ist das Problem des Elitejournalismus, wie Hachmeister meint, die fehlende kritische Selbstreflexion, vor allem im Bereich der Aufarbeitung der eigenen Historie. Selbstreflexion findet jedoch statt, wenn es darum geht, die eigene Rolle zu definieren. Dabei tritt deutlich zu Tage, dass der Prestige- oder Elite-Status über Eigenschaften definiert wird, die durch ihr Distinktionspotential Abgrenzungen gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen implizieren, sowohl innerhalb der Zeitungen als auch in Bezug auf das Publikum. In diesem Kontext erscheint Selbstreflexion v.a. der Elitemedien, so sie denn stattfindet, als Status erhaltend, abgrenzend und selbstüberhöhend.

(c) Reflexionsanlass Krieg und Diskussion der Rolle der Medien in populärkulturellen Genres – Definition des Selbstbildes der Medien über selbstkritische Positionen

Selbstreflexion[38] auf populärkultureller Ebene erreicht ein breitgefächertes Publikum
Es seien drei Journalismus-Bilder, die dominieren, so Lutz Hachmeister: „Journalismus als werteverändernde Gegeneliten“, Journalistik als abhängig von der Medienindustrie und das Bild eines abstrakten, unabhängigen „journalistisches Systems“[39].
Das Bild von Journalismus und Medien im Film hat Hans J. Wulff näher betrachtet. Innerhalb des Genres der Medienfilme waren es in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die Zeitungsfilme, in den 70er Jahren überwiegend Reporterfilme und ab der 90er Jahre Medienfilme[40], in denen „das ursprüngliche Interesse am Journalisten zurückging und die Medienfigur als ein ganz neuer, dem Journalistischen nur noch marginal verbundener Akteur sich herausbildet.“[41] Journalisten agieren im gesellschaftlichen und politischen Umfeld, ihren eigenen Idealen und Interessen genauso unterworfen wie denen ihrer Arbeitgeber oder denen anderer Dritter. Neben den Bildern von Journalisten und Medien diskutieren die Medienfilme auch immer deren Verhältnis zu sich selbst und zu ihrer gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Umwelt mit, auch in Bezug auch mögliche persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen.

„Das Genre der Medienfilme zeichnet eine Geschichte der Öffentlichkeitsverständnisse des 20. Jahrhunderts – gleich in mehrfacher Hinsicht:
– das Selbstverständnis von Journalisten betreffend, die oft impliziten Vorstellungen über journalistische Ethik, über soziale Funktionen des Journalisten, über seine politischen Bindungen,
– in Hinblick auf die sich verändernde Medienlandschaft und ihre Organisationsformen,
– im Hinblick auf soziale und Kulturelle Einflüsse, die Medien und Journalistische Arbeit haben,
– im Hinblick auf die Schichtungen von „Macht“ (als ökonomische und politische Macht, als Meinungs- und Bedeutungsmacht, als Mediator oder Gegenpol von Macht usw.) und die Beziehungen, die Menschen zu diesen Sphären der Macht haben.“[42]

Die Medienfilme der 90er Jahre sind oft von kulturpessimistischem Beigeschmack gefärbt, denn es dreht sich „nicht mehr um journalistische Tugenden und um soziale Verortung der Journalistenrolle, sondern um das Agieren von Personen im öffentlichen Raum der Medien, um Bedingungen von Prominentsein, um die Manipulierbarkeit und Machbarkeit öffentlicher Figuren.“[43] „James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie“[44] ist wohl eines der jüngsten meistbeachtetsten Beispiele dafür, wie groß das Machtpotential von Medienmagnaten in Verbindung mit moderner Technologie und in Bezug auf politische Parteiname eingeschätzt wird. Durch den Einsatz einer riesigen monopolistischen Medienmaschinerie wird ein militärischer Konflikt zwischen zwei Staaten provoziert, und es ist James Bond, der die Welt vor einem Krieg rettet und das Medienimperium zerschlägt.[45] Was bleibt ist der Eindruck der Wirkungsmächtigkeit und Einflussmöglichkeit von Massenmedien und die Vermutung, „James Bond“ ist trotz seiner technischen Aufrüstung kulturtheoretisch noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen, wenn dieser kulturpessimistische Ausblick unaufgelöst am Ende der Geschichte stehen bleibt. Die Rolle der Medien in dem James Bond Film wird als eine bedrohliche gezeichnet. Dennoch: der Film bietet eine Ebene, auf der er die Rolle der Medien und die Bedeutung und Folgen von Medienkonzentration reflektiert. Damit steht „Der Morgen stirbt nie“ in einer Reihe mit den oben erwähnten Medienfilmen.

Krisensituationen und Unklarheiten im Informationsfluss veranlassen Journalisten zum reflektieren ihrer Arbeit
James Bond spielt mit Information, Wahrheit, Manipulation und Macht. Was in diesem Film als fiktiver aber dennoch journalistischer Super-GAU erscheint, wird zu Kriegszeiten als tasächlich praktiziert in Erwägung gezogen: Manipulation von Daten, gezielte Verbreitung von Fehlinformationen, Fälschungen von Bild- und Tondokumenten sind Mittel medialer Kriegsführung. Journalisten genauso wie Rezipienten stellt das vor nur schwer durchschaubare Situationen, da Objektivität und Aussagekraft der verfügbaren Informationen stets angezweifelt werden müssen. Auch während des Irakkriegs 2003 haben sich Journalisten sehr kritisch zu Objektivität, Aussagekraft und Wahrheitsgehalt der Nachrichten, die sie vom Kriegsschauplatz berichteten, geäußert. Mit anhaltender Dauer des Krieges wiesen sie zunehmend auf die Probleme bei der Informationsbeschaffung für Journalisten hin, die Schwierigkeit von objektiver Berichterstattung, vor allem im Zusammenhang mit dem „eingebetteten Journalismus“, die Regulierung von Bildmaterial, Drehverbote, institutionelle Schwierigkeiten. Die Möglichkeiten der Weitergabe von Fehlinformationen oder politischer Propaganda an die Zuschauer schlossen sie dabei auch immer ein. Nicht zuletzt deshalb war die deutsche Berichterstattung über den Irakkrieg 2003, wie Ulrich Sarcinelli beschreibt, „durchweg distanziert“: „Bei uns ist dieser Krieg so etwas wie ein medienpädagogisches Erfahrungsfeld für die Öffentlichkeit geworden. Noch nie ist hier so kritisch und so distanziert von der Kriegsberichterstattung gesprochen worden. Noch nie ist die Öffentlichkeit so stark sensibilisiert worden für die Regeln, die zu einem funktionierenden politischen Journalismus gehören.“[46]

Das Selbstbild der Medien konstituiert sich über Macht affine Positionen und reflexive und selbstkritische Positionen.

Als Ideal, das von der Gesellschaft eingefordert, mit Gesetzen fundiert ist und dem Regulierungsbehörden u.ä. entgegenarbeiten, steht ein freies und demokratisches Mediensystem. Daneben existieren Bilder von Medien und Journalistik, die innerhalb der Medien, auch auf breiter gesellschaftlicher Ebene und auch in den populärkulturellen Medien, generiert werden: Zum einen definieren Medien sich und andere Medien als Agenda-Setter und Gate-Keeper und damit in einer Machtposition, zum anderen reflektieren sie öffentlich, wie z.B. während des vergangenen Kriegs im Irak, ihre Inhalte und Rollen auf Ebenen, die ein breitgefächertes Publikum erreichen. Durch diese Öffnung nach außen bieten die Medien ihrem Publikum die Möglichkeit, sich in den Diskurs um die Rolle der Medien im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Vermittlungsprozess in der bundesdeutschen Gesellschaft einzuklinken und sich aktiv daran zu beteiligen.[47] Eine Beteiligung des Individuums scheint vor dem Hintergrund von kommunikationstheoretischen Wirkungsmodellen nur schwer denkbar.

 

2. Das Publikum als Konstrukteur des eigenen Lebens und nicht als Opfer von Medienwirkungen: Mediennutzung vor dem Hintergrund individueller Nutzungsbedürfnisse relativiert das Bild der wirkungsmächtigen Medien

Mediennutzer waren während der ersten Kriegsmonate im Jahr 2003 Zeugen, wie die Journalisten ihren eigenen Berufsstand, ihre Aufgaben, ihre Positionen, ihre Verantwortung ihrem Publikum gegenüber kritisch reflektiert haben. Für sie war dieser öffentliche Reflexionsprozess der Medien wesentlich, wenn es um politische Sozialisation und Meinungsbildung geht: Indem Medien ihren Nutzern mittels objektiver, detaillierter und auch diskursiver Berichterstattung Informationen nahe bringen und sich selbst strukturell und inhaltlich durchschaubar machen und ihre Funktionsweise offen legen, bieten sie ihrem Publikum Einordnungsrahmen und -maßstäbe: Zum einen, um Funktionsweisen der Medien zu verstehen, Medienangebote zu bewerten und zu beurteilen, die Rolle der Medien z.B. gegenüber politischer Berichterstattung zu durchschauen und zu bewerten – Medien also nicht „wirken“ zu lassen. Vielmehr machen sie sich mit dieser Öffnung zum Publikum angreifbar und diskutierbar. Zum anderen ist dieses strukturelle Wissen um „Schwachpunkte“ in der objektiven Berichterstattung sowie Anhaltspunkte, die Einordnungshilfen bieten, nicht irrelevant, wenn Mediennutzer ein möglichst objektives Bild des medial vermittelten Gegenstands gewinnen möchten (das Prinzip des Sich-durchschaubar-machens ist dem des Bereitstellens von Informationen z.B. durch die eingangs erwähnten Gegenexperten, die Menschen so zu gesellschaftlicher und politischer Teilhabe befähigen wollten).

Medien sind fester Bestandteil des Alltags: morgens beim Frühstück wird Zeitung gelesen, auf dem Weg zur Arbeit läuft das Radio, im Büro wird der PC eingeschaltet und der Feierabend beginnt mit der Tagesschau. Menschen haben gelernt, mit Medien umzugehen und sie sinnstiftend in ihr Leben zu integrieren, sowohl im Berufsleben als auch im privaten Bereich. Es entsteht nur selten der Eindruck, Medien würden im Alltag bedrohlich auf die Mensche einwirken. Wirkungstheorien, die davon ausgehen, Nutzer würden die Nachricht exakt in dem Sinne aufgreifen, den die Sender intendieren, treten häufig in Zusammenhang mit einer intendierten Wirkungsabsicht, meist des Senders, auf. Aus sozialisations- und kulturtheoretischer Perspektive stellt sich die Frage nach einer eventuellen Wirkung als die Frage nach der aktiven Aneignung von Medieninhalten und der Gestaltung von Welt. In diesem Sinne werden Rezipienten als aktiv und reflexiv ihre persönliche und gesellschaftliche Realität konstruierend verstanden. Auch verarbeiten Menschen Medienerlebnisse in ihrer subjektiven Sinnperspektive und weisen ihnen individuell Bedeutung zu. Das heißt zum Beispiel: Während ein Erwachsener aus politischem Interesse heraus die Fernsehberichterstattung über den Krieg im Irak unter dem Aspekt einer möglichen Manipulation der Informationen über das Kriegsgeschehen sieht und sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzt, bekommt die kleine Tochter Angst, weil sie Bilder von Panzern sieht, die Raketen abfeuern. Kommunikationsprozess sind also als wenig linear beschreibbar. Oder: Möglicherweise ist die Lektüre der „BILD“-Zeitung für einen Handwerker untrennbar mit der 9 Uhr Frühstückspause verbunden. Für Kinder und Jugendliche ist vielleicht die 20 Uhr Tagesschau in der ARD der Spielverderber des Tages, da diese Sendung innerhalb der Familie als Meilenstein des Tages gilt, zu dem die Kinder ins Bett gehen müssen. Für Kinder hat also die Tagesschau als Signal für ins Bett gehen eine andere Funktion als für die Erwachsenen, die mit der Tagesschau ihren Arbeitstag beenden oder sie tatsächlich als wichtigen Informationslieferanten für das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen ansehe. Vor diesem Hintergrund einer Mediennutzung, die unter sehr individuellen Gesichtspunkten geschieht, relativiert sich die Frage nach der Wirkung von Medien und ihren Inhalten.

Sender-/ Empfängermodelle

Der Zusammenhang zwischen Politik und Medien ist vielfach diskutiert und empirisch untersucht worden. Die einfache Annahme, Medien vermittelten nach einem linearen Prinzip des Senders auf der einen Seite Inhalte und Informationen an die Bürger als Empfänger auf der anderen Seite, mag aus Sicht der Sender ein sinnvoller Ansatz sein, greift aber im Prozess der Medienrezeption zu kurz.
Vertreter des Sender-Empfängermodells waren u.a. die Mathematiker Claude E. Shannon und Warren Weaver, die davon ausgingen, dass Informationen aus einer Quelle über einen Sender als Botschaft und empfangen mittels eines Empfängers, übertragen werden. Dieses Modell der „Bullet-Theory“ besagt, dass Informationen beim Empfänger unverändert ankommt und wie eine Pistolenkugel mit Gewalt und Durchschlagskraft einschlägt. Studien jedoch belegten, dass Botschaften von den Empfängern anders wahrgenommen werden, als sie ausgesendet wurden. Dies beschrieben Shannon und Weaver mit einer Art Störung auf dem Informationstransport, die auf dem Weg der Vermittlung aufgetreten sein muss.

Der Uses and Gratifications Approach

Andere Modelle von Medienrezeption gehen von aktiven Rezipienten aus, die Medien aus individuellen Beweggründen nutzen, um davon eine Art Gegenleistung oder Befriedigung zu erhalten.[48] Dieser Ansatz berücksichtigt erstmals, dass Medien bzw. deren Inhalte bestimmte Funktionen im Leben von Menschen haben. Menschen haben persönliche, individuelle Motive, bestimmte Medien und deren Inhalte zu nutzen, um damit Kommunikationsbedürfnisse zu befriedigen. Medien sind in diesem Zusammenhang als symbolische und kulturelle Vergegenständlichungen zusehen, die immer in Lebenszusammenhänge auf Seiten der Nutzer und Produzenten sowie in Diskurse auf gesellschaftlicher Ebene eingebunden sind.

Massenkommunikation als Ein- und Ausklinkvorgänge[49]

Ein zentrales Merkmal des Verhältnisses von Menschen zu Massenmedien ist, dass Medien industriell massenhaft hergestellt und verteilt werden, Medienrezeption hingegen, im Prozess der Aneignung, der in das Alltagshandeln integriert ist, individuell verläuft. Dies bedeutet, dass Massenmedien Konsumobjekte sind, die immer verfügbar sind und von Menschen lediglich aufgegriffen werden müssen. In der Sichtweise der phänomenologischen Soziologie kann mit dem Begriff des Alltags von Alfred Schütz[50] das Rezeptionsmodell formuliert werden, dass die Mediennutzung als Teil des Alltagshandelns zu verstehen ist, wobei Medien ein fester Bestandteil des Alltags und der Alltagswelt gelten. Alltag ist dabei die besondere, weil gemeinsam erfahrbare Wirklichkeit der heutigen Gesellschaft, er ist aufgeschichtet in verschiedene Alltagswelten, die sich durch unterschiedliche Erlebnis- und Erkenntnisstile voneinander unterschieden. In diese Alltagswelten kann man sich handelnd einschalten aber auch wieder aus ihnen heraustreten. Für die Beziehung Mensch/ Medien bedeutet die Alltäglichkeit der Medien zum einen, dass sich zwei sehr unterschiedliche Erlebnis- und Erkenntnisstile miteinander verhakt haben. Zum anderen bedeutet es, dass Individuen sich in die Welt des massenhaft industriell hergestellten Medienangebots einklinken können, z.B. einen Modehype wie das Phänomen „Schnappi“[51] eine Zeit lang mitgehen können, aber an einem bestimmten Punkt sich auch wieder ausklinken können.

Mediensozialisation[52]

Ein weiteres Modell um die Beziehung von Menschen zu Medien genauer zu beschreiben, ist das Konzept der Mediensozialisation. Klaus Hurrelmann fasst Sozialisation auf den Grundsatz zusammen, wonach „Sozialisation bezeichnet wird als der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und dinglich-materiellen Umwelt“.[53] Verkürzt: „Sozialisation ist die produktive Verarbeitung von innerer und äußerer Realität“[54], wobei als innere Realität Wünsche, Hoffnungen, Erfahrungen und Erlebnisse eines Individuums zu verstehen ist. Äußere Realität ist dabei die Gesamtheit der dinglich-materiellen Welt außerhalb des Individuums, sowie der gesamte soziale Rahmen, in den das Individuum eingebettet ist und in dem es sich bewegt. Der soziale Bezugsrahmen kann dabei je nach Situation variieren. So können darunter Familie, die Peer-Group, die Schulklasse, Stile und Milieus oder das Staatsgefüge verstanden werden.[55] Medien als Teil der „äußeren Realität“ stellen, genau wie unsere restliche Umwelt auch, Informationen und Themen zur Verfügung, die die Menschen nutzen können, um ihren Alltag aktiv zu gestalten. Die Informationen werden den subjektiven Hintergründen und Bedürfnissen entsprechend von den Menschen mit Bedeutung versehen, und zwar mit Bedeutung, die für die Lebensbewältigung wichtig und sinnstiftend sind.[56] So ist möglicherweise das Thema „Hartz IV“ für einen beamteten Lehrer von über 50 Jahren in seinem Lebenslauf kein Thema. Daher kann man nicht automatisch erwarten, dass dieser Mensch sich über dieses Thema umfassend informiert oder dieses Thema für ihn eine hohe Priorität besitzt. Ein anderes Beispiel: Der Jugendliche, der durch seine Musikvorlieben und seinen Kleidungsstil einer linksgerichteten Subkultur angehört, muss nicht unbedingt die Inhalte der PDS unterstützen. Seine aktuelle vorliebe für die PDS kann auch daher kommen, dass die PDS-Ortsgruppe genau das soziale Umfeld bietet, das der junge Mann zu dieser Zeit sucht. Wie subjektiv die Sinnperspektive sein kann, wird auch in der Diskussion um die Frisur des Bundeskanzlers Gerhard Schröder deutlich: Wesentliche Informationen, die sich das Publikum aus z.B. einer Übertragung einer Bundestagsdebatte übertragen auf dem Informationssender Phoenix ziehen, müssen nichts mit dem Inhalt der Debatte zu tun haben. Für einige scheint auch die Haartracht des Kanzlers eine wichtige Angelegenheit zu sein und die Frage im Vordergrund stehen, ob die Haare des Bundeskanzlers evtl. gefärbt sein könnten oder ob er gar ein Toupet trägt.

Die Mediennutzung: Erstens ist sie anders, zweiten als man denkt. Dass Wirkung von Medien, die man ihnen gerne unterstellt, die sie sich auch, wie im Fall der Elitejournalisten, selbst zugestehen, nicht endgültig greift, wird unter dem Licht der individuellen und konstruktivistischen Mediennutzung und -aneignung deutlich. Dass Mediennutzung auch eine totale Uminterpretation der ursprünglich intendierten Absicht des Senders bedeuten kann, damit setzen sich die britischen Cultural Studies auseinander und legen den Schwerpunkt auf die Betrachtung von Machtverhältnissen zwischen Medienanbietern und Mediennutzern. Einer ihrer prominentesten Vertreter ist Stuart Hall[57]. Er hat mit seinem Modell des Enkodierens und Dekodierens Medienrezeption in den Kontext von Alltagshandeln gestellt und so ein Modell geboten, das von einer unmittelbaren Wirkung von Medien Abstand nimmt und den Nutzern einen aktiven Part bei der Rezeption und Aneignung von Medieninhalten zuspricht. An seinen sozialsemiotischen Ansatz griffen im weiteren weitere prominente Vertreter der britischen Cultural Studies wie z.B. John Fiske und Anthony Giddens auf und machten ihn zur Grundlage eines Verständnisses vom Verhältnis zwischen Menschen und Medien, das Mediennutzer nicht als Opfer der mächtigen Medien versteht sondern auf Grundlage der prinzipiellen Offenheit von Texten und eines erweiterten Textbegriffs den Rezipienten Macht zuspricht.

 

3. Fazit

Ursprünglich war eine Medienlandschaft konzipiert worden, die das Publikum vor Einflussnahme von Politik bewahren und es vielmehr an Gestaltung der politischen und alltäglichen Gesellschaft beteiligen wollte. Impliziert in der Selbstdefinition und Selbstreflexion der Medien ist also eine Wirkungsannahme von Medien, die vor allem in Zusammenhang mit medialer Politikvermittlung kritisch erscheinen könnte, da Medien als prägend und beeinflussend ihrem Publikum gegenüber auftreten.

Nicht in der „radikalen“ Sichtweise der britischen Cultural Studies, aber dennoch in einer abgeschwächten Form und deutlich vor dem Kontext individuellen Alltagshandelns, steht die Gegenthese zu Hachmeisters Annahme über die fehlende Selbstreflexion und die Abgeschlossenheit v.a. der Elitemedien als tatsächlich vorhandene Reflexion der Medien, die auch eine Öffnung dem Publikum gegenüber impliziert; ebenso wie die These, dass Medien Machtpotential bergen, die das Publikum in die Rolle der Opfer drängen. Es ist nicht nur das Macht affine Selbstbild der Medien (z.B. Funktionen als „Gate-Keeper“ oder „Agenda-Setter“), sondern gerade die individuelle Nutzung, die dieses Verhältnis aufbricht.

Auch wenn Elitemedien die Aufarbeitung der eigenen Historie oft nicht gelingt, sind es selbstreflexive Momente in den massenmedialen und populärkulturellen Medien, die das Selbstverständnis der Medien prägen (beispielsweise während des Irakkriegs 2003 oder aber auch in Kinofilmen). Die Rolle und Verantwortung der Medien ihrem Publikum gegenüber ist groß. Ihnen kommt im politischen Vermittlungsprozess eine intermediäre Rolle zu. Medien müssen sich aber auch nachvollziehbar und durchschaubar machen, um Menschen die Gelegenheit zu geben ,Medien nicht nur auf sich „einwirken“ zu lassen (was so viel bedeutet wie: keinen Bezugsrahmen haben, um reflektiert das Gesehene einzuordnen), sondern „medienkompetent“ zu schauen und zu argumentieren, abwägen und sich gesellschaftlich und politisch zu beteiligen und zu verorten.

 

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[1] Bartelt-Kircher, Gabriele: Der Mensch muss informiert sein, um leben zu können. April 2003. URL: http://www.bpb.de/veranstaltungen/2KRLOB,0,0,Der_Mensch_muss_informiert_sein_um_leben_zu_k%F6nnen_.html. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[2] Wallraff, Günter: Der Aufmacher. Zürich (Verlag „Die Meinungsfreiheit“) keine Jahresangabe.

[3] Wulff, Hans J.: Journalismus & Medien im Film. Zeitungsreporter und Medienfilme. In: Medien & Politik. Texte Nr. 5. Sonderheft der Zeitschrift Medien Praktisch. Frankfurt (Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik GEP) 2002, S. 46.

[4] Bartelt-Kircher, Gabriele: a.a.O.

[5] Als die neuen Gate-Keeper werden im Zeitalter der weltweiten Computervernetzung Suchmaschinen wie z.B. Google gehandelt, deren „Objektivität der Suche“ in Frage gestellt wird. Siehe dazu: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Mehr Transparenz im Netz: Internet-Suchmaschinen wollen Verhaltenskodex umsetzen. URL: http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/stiftung/hs.xsl/16412_17084.html. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[6] Bartelt-Kircher, Gabriele: a.a.O.

[7] Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friede-mann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 31.

[8] Jarren, Otfried: „Mediengesellschaft“ – Risiken für die politische Kommunikation. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. B41-42/2001, S. 10-19. URL: http://www.bpb.de/files/VBBUV0.pdf. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005. S. 15f.

[9] Weischenberg, Siegfried: Journalismus als soziales System. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 452.

[10] Weischenberg, Siegfried: Journalismus als soziales System. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 452.

[11] Bartelt-Kircher, Gabriele: Der Mensch muss informiert sein, um leben zu können. April 2003. URL: http://www.bpb.de/veranstaltungen/2KRLOB,0,0,Der_Mensch_muss_informiert_sein_um_leben_zu_k%F6nnen_.html. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[12] Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 7.

[13] Hachmeister, Lutz: a.a.O.

[14] Weischenberg, Siegfried: Journalismus als soziales System. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 453.

[15] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 9.

[16] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 10.

[17] Hachmeister, Lutz: a.a.O.

[18] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 33.

[19] tagesschau.de (Hrsg.): Angebliche Koran-Schändung: “Newsweek” zieht Artikel vollständig zurück. URL: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4342982_NAV_REF1,00.html. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[20] Wagner, Martin: USA: Medien in der Glaubwürdigkeitskrise. Tagesschau-Bericht vom 18.05.2005. Auf: tagesschau.de (Hrsg.). URL: http://www.tagesschau.de/styles/container/audio/style_audio_real_ram/0,1902,4352484,00.ram. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[21] Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt a.M. (S. Fischer Verlag) 2003 (15.Auflage).

[22] Baecker, Dirk: Die vierte Gewalt. Vortrag auf „Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0 Mediendemokratie = Medien + Demokratie?“ 1. und 2. Dezember 2003 Landesvertretung NRW, Berlin. URL: http://www.bpb.de/veranstaltungen/ALTUTL,0,0,Die_vierte_Gewalt.html. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[23] Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 17.

[24] Hachmeister, Lutz: a.a.O.

[25] Diller, Ansgar: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Schriftenreihe Band 361. Bonn (Bundeszentrale für politische Bildun) 1999, S. 146.

[26] Diller, Ansgar: a.a.O., S. 147f.

[27] Diller, Ansgar: a.a.O., S. 148.

[28] Diller, Ansgar: a.a.O.

[29] Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 26.

[30] Hachmeister, Lutz: a.a.O.

[31] Hachmeister, Lutz: a.a.O.

[32] „Elitemedien zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich selbst als solche definieren und von anderen gesellschaftlichen Eliten dafür gehalten werden.“ Fassbarer ist Kepplingers Definition von Prestige-Journalismus. So sei es ein „primäres Kennzeichen für den Prestige-Journalismus, dass er sich in den „Medien von hoher Zentralität und Qualität“ organisiert“, also häufig zitiert wird und so als Agenda-Setter fungiert, ebenso, hoch angesehen sind, sowohl „in der engeren Branche und bei anderen gesellschaftlichen Entscheidungsträgern“, zum Besipiel wirtschaftlichen und politischen Führungsschichten. Weitere Variablen, die Elite- und Prestigemedien in Funktion und Rolle näher spezifizieren, sind ihre historische und kognitive Identität und überdurchschnittlich gebildetes und/ oder berufserfahrenes Personal. Argumentativ und stilistisch richten sich Prestige Papers an politische und kulturelle Eliten, halten sich an kodifizierte innere Normen, zahlen ihren Mitarbeitern außergewöhnlich hohe Gehälter, Honorare und Zusatzleistungen. Sie rekrutieren Nachwuchs auch über Versprechen von politischem Einfluss, gesellschaftlichem Glanz, Branchenreputation. Aus: Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 15.

[33] Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 16f, 32.

[34] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 17.

[35] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 14.

[36] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 15.

[37] Hachmeister, Lutz: a.a.O., S. 14.

[38] Das Phänemen, dass Medien sich selbst und ihre Inhalte reflektieren, ist nicht neu. In einer Fernsehprogrammanalyse zum Angebot an Sendungen zur Medien- und Genrekompetenz arbeitet Judith Seipold heraus, dass Selbstreflexion im Fernsehen über sich selbst und andere Medien an der Tagesordnung ist. Solche Programmangebote machen sich durchschaubar und so diskutierbar und bieten den Zuschauern so Oreintierungsmöglichkeiten für Alltag und Mediennutzung und die Möglichkeit, sich aktiv und reflexiv mit Medien auseinander zu setzen. Seipold, Judith: Das Fernsehprogrammangebot zur Medien- und Genrekompetenz. Auf: Bachmair, Ben: http://www.kinderfernsehforschung.de/bestand/Arbeitsbereiche/4-Kultur/4-2-kompetenz/4-2-2-kompet/kompetenz.htm. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[39] Hachmeister, Lutz: Das Problem des Elite Journalismus. In: Hachmeister, Lutz, Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München (C.H.Beck Verlag) 2002, S. 25f.

[40] Darunter fallen Filme wie „The Trueman Show“, “Natural Born Killers” und “James Bond – Tomorrow Never Dies”.

[41] Wulff, Hans J.: Journalismus & Medien im Film. Zeitungsreporter und Medienfilme. In: Medien & Politik. Texte Nr. 5. Sonderheft der Zeitschrift Medien Praktisch. Frankfurt (Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik GEP) 2002, S. 46.

[42] Wulff, Hans J.: Journalismus & Medien im Film. Zeitungsreporter und Medienfilme. In: Medien & Politik. Texte Nr. 5. Sonderheft der Zeitschrift Medien Praktisch. Frankfurt (Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik GEP) 2002, S. 46.

[43] Wulff, Hans J.: a.a.O., S. 55.

[44] James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie. Originaltitel: Tomorrow Never Dies. Herstellungsland: Großbritannien, USA. Erscheinungsjahr: 1997. Regie: Roger Spottiswoode. Quelle: Online-Filmdatenbank (Hrsg.): James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie. URL: http://www.ofdb.de/view.php?page=film&fid=1281. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[45] Wer könnte besser für ein freies und demokratisches (öffentlich-rechtliches) Mediensystem – nach dem Modell der BBC – einstehen als der britische Geheimagent James Bond?

[46] Sarcinelli, Ulrich: Medienpädagogik im Zeitraffer. Ein Gespräch über Medienstrategien, Medieninszenierungen und Medieneffekte im Irak-Krieg. Auf: http://www.bpb.de/veranstaltungen/G82ANC,,0,Medienpädagogik_im_Zeitraffer.html. Zuletzt gesehen von Judith Seipold am 08.06.2005.

[47] Ob Interesse besteht, signalisiert das feedback der Mediennutzer auf bestimmte Medien oder Themen. Messbar wäre das z.B. auf einer quantitativen Ebene über Mediennutzungsdaten (z.B. Einschaltquoten), die Akzeptanz und Ablehnung des Publikums Medien gegenüber wiedergeben, ebenso wie Messungen zum Thematisierungseffekt (Agenda-Setting Effekt; siehe dazu Merten, Klaus: Wirkungen von Kommunikation. In: Merten, Klaus u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 318f). Aber auch Leserbriefe, Briefe an Redaktionen, Meinungsäußerung über z.B. offene Kanäle sind Wege, über die Publikum aktiv werden und sich mit Hilfe von Massenmedien öffentlich Gehör verschaffen kann.

[48] Blumler, Jay G., Katz, Elihu (Hrsg.): The Uses of Mass Communications. Current Perspectives on Gratifications Research. Beverly Hills, London (Sage) 1974.

[49] Nach Schütz, Alfred/ Luckmann, Thomas (2003) und Bachmair, Ben (1996).

[50] Schütz, Alfred, Luckmann, Thomas: Strukturen der Lebenswelt. Konstanz (UVK Verlagsgesellschaft mbH) 2003.

[51] Herrmann, Christina: Der Schnappi-Boom ist bald vorbei. Interview mit Klaus Rummler, Medienpädagoge an der Universität Kassel. In: Hessische/Niedersächsische Allgemeine (Hrsg.), Rubrik Kultur am 03.03.2005. Im Interview bezweifelt Klaus Rummler, Medienpädagoge an der Universität Kassel, dass in einigen Monaten am Strand oder im Schwimmbad noch viele Schnappi-Handtücher zu sehen sein werden: „Denn der Schnappi-Boom wird bald vom neuen Sommerhit 2005 abgelöst.“

[52] Für Mediensozialisation beschreibt Ben Bachmair auf der Grundlage von Klaus Hurrelmann ein Basismodell der Sozialisation, wonach Medien prägend in die Beziehung der Kinder, der Jugendlichen oder der Erwachsenen usw. zu sich selber (subjektive Innenwelt), zu anderen (soziale Umwelt), zur Welt der Dinge und Ereignisse (dinglich-materielle Realität) zur Welt der Kultur eingehen. Siehe dazu u.a.: Bachmair, Ben: Fernsehkultur. Subjektivität in einer Welt bewegter Bilder. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1996, sowie verschiedene Vorlesungsskripten und -folien zum Thema Sozialisation und Medien.

[53] Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim und Basel (Beltz) 2001 (7. Auflage) S. 65.

[54] Hurrelmann, Klaus: a.a.O., S. 62.

[55] Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim und Basel (Beltz) 2001 (7. Auflage).

[56] Bachmair, Ben: Fernsehkultur. Subjektivität in einer Welt bewegter Bilder. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1996.

[57] Zu Stuart Halls Modell des Decoding-Encoding siehe: Hall, Stuart: Encoding/ Decoding. In: Hall, Stuart et al. (Hrsg.): Culture, Media, Language. London (Hutchinson) 1980, S. 128-139. Deutsch: Hall, Stuart: Kodieren/ Dekodieren. In: Bromley, Roger, Göttlich, Udo, Winter, Carsten (Hrsg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg (zu Klampen) 1999, S. 92-110.

Intertextuelle und intramediale Bezüge als Orientierungsangebot – systematische Überlegungen und exemplarische Untersuchungen zu Verweisen auf das Fernsehangebot.

Trailer und Logos im Fernsehprogramm sind nicht nur Werbung für das eigene Programm oder das der Senderfamilie, sie bieten den Zuschauern auch Orientierung: zu Inhalten der kommenden Sendung, mit Bezug zu Tagesablauf und Tagesplanung, mit Blick auf Genrepräferenzen und -kompetenzen usw.

Im Jahrbuch Medienpädagogik 3 haben Ben Bachmair und ich einen Artikel dazu veröffentlicht, der neben den Orientierungsangeboten im Fernsehprogramm auch auf die Intertextualität und Orientierungsrahmen in der BILD-Zeitung und in europäischen Websites für Kinder eingeht. Während der Teil zum Fernsehprogrammangebot im Rahmen meiner Forschung zur Medien- und Genrekompetenz entstand, stehen die anderen beiden Teile in Zusammenhang mit unserer Forschung im Rahmen des ESF geförderten Projekts “Changing Media – Changing Europe“, an dem Ben Bachmair und in einigen Bereichen auch ich beteiligt waren. Die URL zum Text findet sich in u.a. Literaturangabe.

 

Bachmair, Ben; Seipold, Judith (2003): Intertextuelle und intramediale Bezüge als Orientierungsangebot – systematische Überlegungen und exemplarische Untersuchungen zu Verweisen auf das Fernsehangebot. In: Bachmair, Ben; Diepold, Peter; de Witt, Claudia (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 3. Opladen: Leske + Budrich, S. 51-81. Online.

Was Kinder überfordert – Beobachtungen zum Fernsehprogramm.

Die Frage, was Kinder im Fernsehprogramm überfordert, stellten Ben Bachmair, Clemens Lambrecht und ich uns im Jahr 2001 und veröffentlichten unsere Überlegungen in der Zeitschrift TV-Diskurs. Aus meiner Perspektive geht es vor allem um die damalige Kanalbelegung ARTE/Ki.Ka, die morgendlichen am Übergang vom Erwachsenen-Programm auf ARTE zum Kinderprogramm im Ki.Ka inhaltliche Brüche erzeugte, die für Kinder nur schwer einzuordnen waren.

Der Artikel findet sich digital wieder veröffentlicht unter dem u.g. Link auf den Servern der Uni Kassel.

 

Bachmair, Ben; Lambrecht, Clemens; Seipold, Judith (2001): Was Kinder überfordert – Beobachtungen zum Fernsehprogramm. In: TV-Diskurs, Nr. Oktober 2001, S. 68-73. Online.

Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen. Ein pädagogischer Blick auf das Fernsehangebot und die Nutzung durch die Kinder.

Im Apil 2001 erschien der Artikel “Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen. Ein pädagogischer Blick auf das Fernsehangebot und die Nutzung durch die Kinder”, bei dem ich Co-Autorin bin, in der Zeitschrift medien praktisch. In dem Artikel stellen wir zum einen unser Forschungsprojekt “Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen vor”, das lange Jahre an der Medienpädagogik an der Universität Kassel lief. Zum anderen behandeln wir Fragen nach Mediensozialisation, die sich in Zusammenhang mit der Fernsehnutzung stellen, nach sozialer Orientierung, der Darstellung des Alltags von Kindern im Fernsehprogramm und nach Lernprogrammen.

Der Artikel wurde vor einigen Jahren digital neu veröffentlicht und ist unter dem u.g. Link verfügbar.

 

Bachmair, Ben; Topp, Claudia; Lambrecht, Clemens; Seipold, Judith; Rummler, Klaus (2001): Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen. Ein pädagogischer Blick auf das Fernsehangebot und die Nutzung durch die Kinder. In: medien praktisch, Nr. 98 (April 2001, Heft 2/01), S. 23-28. Online.

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