Die London Mobile Learning Group (LMLG)

Als Mitglied der London Mobile Learning Group (LMLG) wurde ich gebeten, einen kurzen Beitrag zu den Aktivitäten und Zielen der LMLG zu erfassen. Da von der Redaktion letztlich jedoch ein anderer Schwerpunkt gewünscht wurde, habe ich beschlossen, den Artikel hier zu veröffentlichen:

Die London Mobile Learning Group (LMLG)

Mobiles Lernen – der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit diesem Thema aus erziehungswissenschaftlicher, medienpädagogischer und mediendidaktischer Sicht widmet sich die London Mobile Learning Group (LMLG). Ihre Aktivitäten und Ziele finden sich im Folgenden knapp dargestellt.
Lernen mit mobilen und digitalen Technologien – mobile learning, m-learning oder Mobiles Lernen genannt – ist in Deutschland noch nicht sehr populär. In beispielsweise Großbritannien hingegen etabliert sich Mobiles Lernen zunehmend. Auf den ersten Blick liegt die Verwendung von Mobiltechnologien zum Lernen nicht offensichtlich auf der Hand, denn Handy und Co. sind Ressourcen aus dem Alltag und ursprünglich nicht zum Lernen sondern zur Unterhaltung, Kommunikation, Vernetzung und als Lifestyle- und Konsumobjekt konzipiert. Auf den zweiten Blick allerdings eröffnen sich mit der Verwendung von Mobiltechnologien zum Lernen vielfältige didaktische und inhaltliche Möglichkeiten.
Auf die Potenziale, die in der alltäglichen Nutzung von Mobiltechnologien für (schulisches) Lernen liegen, hinzuweisen, hat sich die London Mobile Learning Group (LMLG; www.londonmobilelearning.net (The London Mobile Learning Group (LMLG) 2007-2011)) zum Ziel gesetzt. Sie fokussiert die Handlungskompetenzen und kulturellen Praktiken der Lernenden beim Umgang mit Mobiltechnologien. Denn die Nutzung von Mobiltechnologien dient den Lernenden zu Zwecken der Kommunikation, Unterhaltung oder der Strukturierung des Alltags und geschieht nicht ausnahmslos unreflektiert sondern – wenn oft auch niederschwellig, so dennoch – zielführend und sinnstiftend. Hier liegen nicht nur Chancen für Lernen in informellen Kontexten wie Alltag und Freizeit sondern auch für Lernen in formellen Kontexten wie Schule, Hochschule und beruflicher Aus- und Weiterbildung. Möglich ist dies durch beispielsweise die Überführung von informeller, unreflektierter, affektiver Aneignung in formelles, reflektiertes und objektiv nachvollziehbares Lernen (siehe beispielsweise Bachmair 2009 sowie Beiträge in Bachmair 2010).

1. Die LMLG und ihre Ziele
Die London Mobile Learning Group hat sich 2007 am Institute of Education, University of London, formiert. Ihr gehören zurzeit dreizehn WissenschaftlerInnen aus Großbritannien, Deutschland, Österreich, Schweiz, Schweden und Italien an, die die Disziplinen Erziehungswissenschaft, (Medien-)Didaktik, Medienpädagogik, Kulturwissenschaft, Sozialsemiotik und Bildungstechnologie vertreten.
Generell liegt der Fokus der Aktivitäten der LMLG sowohl auf der theoretischen Weiterentwicklung des Feldes „Mobiles Lernen“ als auch auf der praktischen Implementierung von Mobilem Lernen in unterschiedliche Lehr-Lernkontexte (siehe beispielsweise Pachler/Pimmer/Seipold 2011). Eine der grundlegenden Annahmen, die für die Arbeit der LMLG leitend ist, ist die aktive und gestaltende Rolle der Lernenden an ihrem eigenen Lernprozess. In der Mobile Learning-Diskussion läuft dies unter „personalisiertem“ und „Lerner zentriertem“ Lernen (siehe beispielsweise Seipold 2011). Das Potenzial der einzelnen Lernenden soll gefördert werden. Die Risiken, die in dieser neu gewonnenen Verantwortung der Lernenden angelegt sind, sind aufzufangen. Dies ist besonders deshalb wichtig, da Eigenverantwortung im Lernprozess in der Konsequenz auf alle Entscheidungen der Lernenden zu beziehen wäre – seien es Lernerfolge oder sei es das Scheitern.

2. Aktivitäten der LMLG
Aufgrund ihrer interdisziplinären Ausrichtung ist es der LMLG möglich, innerhalb der Mobile Learning-Forschung ein breites Feld abzustecken. Momentan liegen die Schwerpunkte auf der Unterrichtsplanung, auf innovativen Ansätzen beim schulischen Lernen, Communitybildung, der Unterstützung von Arbeitsabläufen und dem Lernen im medizinischen Umfeld und auf der Unterstützung von sogenannten Risikolernern. Praxisforschung und Theoriebildung stehen dabei nicht isoliert nebeneinander. Vielmehr informiert die Praxis die Theoriebildung, und Theorie hilft, Praxis zu verstehen und zu begleiten. In der Zwischenzeit sind zahlreiche – deutsch- und englischsprachige – Publikationen dazu entstanden, und einzelne Mitglieder der LMLG engagieren sich in national und international ausgerichteten Kooperationsprojekten, sind auf Konferenzen präsent und veranstalten selbst Tagungen und Symposien mit interdisziplinärem Charakter. Zudem wurden zur Anzeige von angrenzenden Themengebieten und Ressourcen Literatur- und Projektdatenbanken zum Mobilen Lernen entwickelt und mit Inhalten bestückt (zu Details siehe www.londonmobilelearning.net).

Mobile Learning-Theorie
Zu den aktuell zentralen Arbeiten der LMLG im Bereich der Theoriebildung gehört die Entwicklung des Modells der „sozio-kulturellen Ökologie Mobilen Lernens“ (siehe beispielsweise Pachler/Bachmair/Cook 2010). Dahinter stehen komplexe theoretische Konzepte und Modelle, die – vereinfacht ausgedrückt – gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen beim Lernen mitbedenken. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf die Handlungskompetenzen und kulturellen Praktiken der Lernenden gelegt und auch die Strukturen mitbedacht, in denen die Lernenden handeln und die sie aktiv mitgestalten. Die Mobiltechnologien sind ebenso wie Schule und schulisches Lernen Teil dieser Strukturen.

Mobile Learning-Praxis
Diese Überlegungen leiten sich von der Praxis ab, mit der sich die LMLG im Rahmen ihrer Arbeit auseinandersetzt. Gleichzeitig versuchen die Mitglieder der LMLG, ihre Theorie für die Planung und Analyse von Lehr-Lernpraxis in unterschiedlichen Bildungskontexten aufzubereiten. Aktuell steht dazu das Modell der „vier Parameter“ (siehe beispielsweise Bachmair/Pachler/Cook 2011) zur Verfügung. Mit ihm soll es Lehrkräften möglich sein, Unterricht und Lernpraxis zwischen den formellen Anforderungen der Schule und des Curriculums und informellen Kompetenzen, Praktiken und Ressourcen auszutarieren und diese beiden Bereiche miteinander in Verbindung zu setzen. Diese vier Parameter sind dabei sowohl Planungs- als auch Analysewerkzeug.
Wie die Umsetzung in der Praxis funktioniert, hat Ben Bachmair, Gründungsmitglieder der LMLG, im Projekt „MyMobile“ (medien+bildung.com 2011) der medienpädagogischen Einrichtung „medien+bildung.com“ erprobt. Ein Teil dieses umfangreichen Projekts ist die Nutzung von Handys im Mathematikunterricht. Hier schafften die Schüler eine Verbindung aus curricularem Lernen und ihrer alltäglichen Handypraxis, dem Filmen. Ausdruck des Erfolgs sind nicht nur die Lernleistungen der Schüler, sondern auch Auszeichnungen bei Handyclip-Wettbewerben.

3. Anknüpfungspunkte für Lehrende
Die Arbeiten der LMLG erscheinen häufig als sehr theorielastig. Das liegt vor allem daran, dass Mobiles Lernen eine noch junge Disziplin ist, die konzeptuell und methodologisch erst noch fundiert werden muss. Für Lehr-, Aus- und Weiterbildungspersonal bieten die Ansätze der LMLG dennoch viele konzeptionelle Anknüpfungspunkte für die Lehr-Lernpraxis – sei es bezogen auf den Ansatz, Lernende mit ihren Handlungskompetenzen und kulturell geprägten Praktiken in das Zentrum ihres Lernprozesses zu stellen, oder seien es Praxisprojekte, die durch Interessierte für die eigene Lehre übernommen werden können. So sind mit den Parametern und den einzelnen Praxisprojekten Texte und Konzepte zur Planung und zur Analyse von Lehr-Lernpraxis verfügbar. Im Rahmen des „MyMobile“ Projekts beispielsweise sind umfangreiche Lernmaterialien zum situierten Lernen mit Erzählungen und didaktische Konzepte entwickelt worden, die Lehrenden selbst in ihre Unterrichtspraxis integrieren können. Und als Sammelstelle für Mobile Learning-Projekte haben Mitglieder der LMLG „MoLeaP – Die Mobile Learning Projektdatenbank“ (www.moleap.net (Seipold/The London Mobile Learning Group 2008-2011)) entwickelt. In ihr finden sich weitere Ressourcen, die zum Nachmachen und Weiterentwickeln Mobilen Lernens einladen.

 

Weiterführendes und Kontakt

Weitere Informationen über die LMLG sind unter www.londonmobilelearning.net verfügbar. Für Kooperationen, Vorträge oder Schulungen in deutscher und englischer Sprache stehen die Mitglieder der LMLG gerne zur Verfügung.

 

Referenzen und vertiefende Literatur

Bachmair, Ben: Medienwissen für Pädagogen. Medienbildung in riskanten Erlebniswelten, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009.

Bachmair, Ben (Hrsg.): Medienbildung in neuen Kulturräumen. Die deutschsprachige und britische Diskussion, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010.

Bachmair, Ben; Pachler, Norbert; Cook, John: Parameters and focal points for planning and evaluation of mobile learning, 2011. Online: http://www.londonmobilelearning.net/downloads/Parameter_flyer.pdf. (Zuletzt geprüft: 30.03.2011).

medien+bildung.com. medien+bildung.com: MyMobile. 2011. Online: http://medienundbildung.com/mymobile.

Pachler, Norbert; Bachmair, Ben; Cook, John: Mobile learning: structures, agency, practices. Unter Mitarbeit von Gunther Kress, Judith Seipold, Elisabetta Adami und Klaus Rummler, Springer, New York 2010.

Pachler, Norbert; Pimmer, Christoph; Seipold, Judith (Hrsg.): Work-based mobile learning: concepts and cases, Peter Lang, Oxford, Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Wien 2011.

Seipold, Judith; The London Mobile Learning Group (LMLG): MoLeaP – The mobile learning project database/ MoLeaP – Die m-learning Projektdatenbank. Unter Mitarbeit von Klaus Rummler, 2008-2011. Online: http://www.moleap.net. (Zuletzt geprüft: 05.01.2011).

Seipold, Judith: Mobiles Lernen. Theorien, Unterrichtspraxis und Analysemodelle der britischen und deutschsprachigen Mobile Learning-Diskussion. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.). Eingereicht im April 2011. 2011.

The London Mobile Learning Group (LMLG): The London Mobile Learning Group (LMLG), 2007-2011. Online: http://www.londonmobilelearning.net. (Zuletzt geprüft: 05.01.2011).

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